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„Ein Sommer, wie er noch nie da war“

London präsentiert sich derzeit als Musterschüler: Weniger als 100 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in der britischen Hauptstadt sind alle großen Stadien fertiggestellt, Studien prophezeien dem Austragungsort einen anhaltenden Tourismusboom, und Politiker und Organisatoren freuen sich immer häufiger öffentlich auf „einen Sommer, wie er noch nie da war“.

Und trotzdem ist nicht alles eitel Wonne: Die Spiele werden dem Bericht der Abgeordneten zufolge deutlich teurer als die Organisatoren zugeben. Die offiziell genannten Kosten von 9,3 Milliarden Pfund (11,1 Mrd. Euro) würden schon jetzt um zwei Milliarden Pfund (2,4 Mrd. Euro) überschritten, heißt es in dem Report.

Viel Geld, um Sportbegeisterung zu wecken

Das Organisationskomitee LOCOG habe die Kosten für den Ankauf des Olympiaparks im Londoner Stadtteil Stratford für 788 Millionen Pfund (941 Mio. Euro) herausgerechnet. Auch Kosten in Höhe von 826 Millionen Pfund (987 Mio. Euro) für Sonderprojekte - etwa zum Wecken von Sportbegeisterung im Land - seien nicht berücksichtigt. Bei der Olympiabewerbung 2005 hatte London Gesamtkosten von 2,4 Milliarden Pfund (2,87 Mrd. Euro) kalkuliert.

Hauptgrund für das Schönrechnen seien die immens gestiegenen Sicherheitskosten. Die Zahl der Sicherheitsleute, die die Spiele schützen sollen, hat sich von den geplanten 10.000 auf 23.000 mehr als verdoppelt. „Das LOCOG ist Opfer eines schlechten Vertrages mit der Sicherheitsfirma G4S“, sagte die Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Ausgabenüberwachung, Margaret Hodge.

Polizei und Royal Marines bei einer Sicherheitsübung

dapd/Alastair Grant

Mit einer großangelegten Übung haben die britischen Sicherheitskräfte im Jänner den Ernstfall geprobt und sich auf mögliche Anschläge vorbereitet

10.000 Soldaten sollen für Sicherheit sorgen

Unter anderem hatte die US-Regierung moniert, die Spiele seien nicht ausreichend gegen Terroranschläge geschützt. Großbritannien beorderte daraufhin auch fast 13.000 Soldaten zum Schutz der Spiele - mehr als in Afghanistan im Einsatz sind. Es werde sogar überlegt, Abwehrraketen mitten in London zu stationieren. Eine endgültige Entscheidung darüber soll erst ein paar Wochen vor der Eröffnungsfeier am 27. Juli fallen, so der britische Verteidigungsminister Philip Hammond.

Doch nicht nur die Terrorgefahr ist Thema bei den Sicherheitsvorkehrungen. Auch gesundheitliche Risiken wie Seuchen seien zu befürchten, warnte das britische Gesundheitsministerium erst unlängst. „Sie werden aus jeder Ecke der Erde Organismen mitbringen“, hätten Mikrobiologen vor dem internationalen Großereignis gewarnt, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“).

Handshake-Verbot sorgt für Diskussion

Aus demselben Grund gilt für die britischen Athleten auch ein kürzlich erlassenes „Handshake-Verbot“. Die Sportler sollen den Kontrahenten und Offiziellen nicht die Hände schütteln. „Wir reden hier vom Minimieren des Krankheitsrisikos. Es geht um Handhygiene“, erklärte Ian McCurdie, Chefmediziner der Britischen Olympischen Vereinigung (BOA).

Eine englische Etikette-Expertin kritisierte das prompt als „ein bisschen extrem“. „Wenn dir jemand seine Hand für eine freundliche Begrüßung ausstreckt und du gibst ihm deine Hand aus Hygienegründen nicht, könnte das sehr gemein aussehen“, sagte Liz Wyse von Debrett’s, einer Art „Knigge“ in Großbritannien, dem Sender BBC.

Transport könnte zur Achillesferse werden

Eine weitere Achillesferse der Olympischen Spiele könnte der Transport in London werden. Die mehr als 100 Jahre alte Londoner U-Bahn arbeitet im Alltag bereits über ihrer Kapazitätsgrenze. Ein modernes Netz an leistungsfähigen Ring- und Ausfallstraßen existiert in London nicht.

Londoner U-Bahn Arbeiter

Reuters/Dylan Martinez

London hat 6,5 Milliarden Pfund (7,78 Mio. Euro) in sein U- und Regionalbahn-Netz investiert. Doch gerade die älteste Untergrundbahn der Welt gilt noch immer als Schwachstelle im olympischen Transportsystem.

Die Staus in der ohnehin häufig verstopften Stadt werden während der Spiele um ein Drittel zunehmen, heißt es in einem Bericht des Verkehrssystemeanbieters Inrix. Auf den Hauptstraßen werde die durchschnittliche Geschwindigkeit nur rund 19,3 km/h betragen. An den ersten drei Tagen der Spiele soll es am schlimmsten werden. Transport for London, der Nahverkehrsanbieter in der Olympiastadt, wies die Vorwürfe zurück. Die von Inrix vorgelegten Ergebnisse seien nicht fundiert und basierten auf "falschen Annahmen.

Doch weder der drohende Verkehrskollaps noch die Angst um die Sicherheit während der Olympia lässt die Londoner fluchtartig die Stadt verlassen. Im Gegenteil: Die Londoner hätten für die Zeit der Spiele elf Prozent weniger Flüge gebucht als im Vorjahr, heißt es in einer Studie von Anfang März. „Die Ergebnisse legen nahe, dass die Londoner im Gegensatz zur öffentlichen Meinung nicht en masse ihre Wohnungen vermieten und ins Ausland fahren.“

Queen vermietet Palastgarten

Nach Angaben des Londoner Tourismusverbandes werden trotzdem rund 25.000 Zimmer in privaten Wohnungen und Häusern an sportbegeisterte Touristen vermietet werden. Und selbst Queen Elisabeth will unter die Zwischenmieter gehen. Einen Teil des Außenbereiches des Kensington Palastes, früher Domizil von Prinzessin Diana und künftig Londoner Refugium von Prinz William und seiner Frau Kate, soll während der Spiele im August von der Olympiadelegation Russlands genutzt werden, berichtete der „Evening Standard“.

Die russischen Olympiafunktionäre wollen dort aus Zelten das „Russische Haus“ errichten. Dort sollen erfolgreiche Sportler empfangen und kulturelle Veranstaltungen abgehalten werden. Normalerweise wird auf dem Gelände Fußball gespielt. Manchmal landet dort auch der Helikopter, wenn er Staatsgäste zum Palast bringt oder die Mitglieder der königlichen Familie selbst.

Royale Botschafter der britischen Athleten

Royale Unterstützung erhält auch das britische Olympiateam: Prinz William, Kate und Prinz Harry werden als Botschafter für die Athleten ihres Landes eintreten. Sie fühlten sich „geehrt“, die Rollen sowohl für die olympischen als auch die paralympischen Teams zu übernehmen, gab das Trio Ende des Jahres bekannt. „Wir freuen uns alle sehr auf die Spiele“, sagte William laut Mitteilung.

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