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1,5 Prozent Vorsprung in erster Runde

Nach dem Sieg des Sozialisten Francois Hollande über Amtsinhaber Nicolas Sarkozy in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich rüsten beide Seiten für die entscheidende Stichwahl am 6. Mai.

Wie das Innenministerium in Paris am Montag mitteilte, errang Hollande am Sonntag gut 28,6 Prozent der Stimmen und damit 1,5 Prozentpunkte mehr als Sarkozy. Überraschend stark schnitt mit 18 Prozent die Rechtsextreme Marine Le Pen ab - sie spielt in den nächsten zwei Wochen bis zur Stichwahl die entscheidende Rolle.

Die vom Innenministerium veröffentlichten Zahlen sind fast das Endergebnis - nur die Stimmen der Franzosen im Ausland fehlten noch in der Auszählung. Der Linkskandidat Jean-Luc Melenchon kam demnach auf 11,1 Prozent, der Zentrumspolitiker Francois Bayrou auf 9,1 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei gut 80 Prozent und damit deutlich über den Erwartungen.

Grafische Darstellung des Endergebnisses

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Knapper als in den ersten Hochrechnungen prognostiziert ist der Abstand zwischen Hollande und Sarkozy nach der aktuellen Auszählung der ersten Runde

„Abstrafung“ für Sarkozy

Damit kommt es am 6. Mai zu einer Stichwahl, auf die beide Kandidaten am Sonntagabend sofort ihr Augenmerk richteten. Er sei „der Bestplatzierte, um der nächste Präsident der Republik zu werden“, sagte Hollande vor jubelnden Anhängern im zentralfranzösischen Tulle. Das Ergebnis sei eine „Abstrafung“ für den konservativen Präsidenten. Der 57-Jährige rief all diejenigen zu seiner Wahl am 6. Mai auf, die „ein neues Kapitel“ für Frankreich aufschlagen wollten.

Noch in der Nacht begab sich der Sozialist nach Paris, wo er zwei Stunden im Hauptquartier seiner Partei verbrachte. Beim Verlassen des Gebäudes sagte er Montagfrüh: „Ich habe den Sieg noch nicht, aber er ist nah.“ Bei einem Sieg am 6. Mai wäre Hollande der erste Sozialist seit der Wiederwahl von Francois Mitterrand 1988, der in den Elysee-Palast einzieht.

„Alles fängt erst an“

Auch Sarkozy gab sich trotz seines Rückstandes kämpferisch. „Ich werde alle Energie reinstecken, derer ich fähig bin“, sagte der 57-Jährige mit Blick auf die kommenden zwei Wochen. „Alles fängt erst an.“ Der Amtsinhaber schlug zudem drei Fernsehdebatten mit Hollande vor, was von dem Sozialisten aber umgehend abgelehnt wurde.

Le Pen wartet bis 1. Mai

Entscheidend für den 6. Mai wird sein, hinter wen sich die Wähler der anderen Kandidaten stellen. Noch am Sonntagabend rief Melenchon indirekt zur Unterstützung Hollandes auf: Seine Wähler sollten am 6. Mai wieder zu den Urnen gehen, „um Sarkozy zu schlagen“, forderte der Linkskandidat. Auch die Grünen-Politikerin Eva Joly, die auf 2,2 Prozent der Stimmen kam, empfahl ihren Anhängern, in der Stichwahl für Hollande zu stimmen.

Le Pen, deren Wähler Sarkozy mit einer gegen Einwanderung gerichteten Rhetorik im Wahlkampf umworben hatte, will ihre Empfehlung am 1. Mai abgeben. Experten halten es allerdings für ausgeschlossen, dass die 43-Jährige ein Votum für Sarkozy empfiehlt. Das Ergebnis, das die frühere Anwältin am Sonntag erzielte, ist nominell das beste der Parteigeschichte - ihr Vater hatte allerdings 2002 bei der Präsidentschaftswahl mit 17 Prozent den Einzug in die Stichwahl gegen Jacques Chirac geschafft. „Die Schlacht um Frankreich fängt erst an“, kündigte die Tochter von Parteigründer Jean-Marie Le Pen an. Ebenfalls vorerst keine Empfehlung gab Bayrou ab.

Wahlergebnisse, aufgeschlüsselt laut Departements

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So wählten die Departements

Rot: Departements, in denen Hollande Erster wurde. Blau: Departements mit Sarkozy als Erster. Im Departement Gard war Marine Le Pen Erste (dunkelblau).

Stimmenthaltung als große Unbekannte

Die zweite große Unbekannte ist, wie viele jener Wähler, die einem der acht ausgeschiedenen Kandidaten ihre Stimme gaben, zur Stichwahl gehen. Die Enthaltungsrate beträgt laut einer Umfrage des Instituts OpinionWay 26 Prozent der Wahlberechtigten, verglichen mit 16 Prozent im Jahr 2007.

„Je größer die Enthaltung ist, umso mehr kann sie das Wahlergebnis beeinflussen“, sagte Emmanuel Riviere vom Meinungsforschungsinstitut TNS Sofres. Im Allgemeinen ist die Enthaltung ein Vorteil für die Konservativen, zumal am ehesten junge Wähler und Arbeiter zu Hause bleiben, die vornehmlich links wählen. „Diesmal könnte das aber auch anders sein“, meinte Riviere. Laut Umfragen zweier Meinungsforschungsinstitute von Sonntag kann Hollande in der Stichwahl mit rund 54 Prozent der Stimmen rechnen und Sarkozy mit bis zu 46 Prozent. Die Zahlen sind seit Monaten relativ stabil.

Folgen für ganz Europa

Der Wahlkampf war bereits bisher mit harten Bandagen geführt worden - der Ton könnte sich nun noch weiter verschärfen. Ganz Europa verfolgt gespannt den Ausgang der Wahl, da aufgrund der mächtigen Position Frankreichs in der EU Auswirkungen unausweichlich sind - umso mehr, als nicht nur Hollande, sondern auch Sarkozy sich im Wahlkampf für einschneidende Änderungen in der EU-Politik - Stichworte Fiskalpakt und Einwanderungspolitik - starkmachen.

Hollande kündigte an, er wolle den gerade erst unterzeichneten Fiskalpakt, der automatische Strafen bei zu hohem Staatsdefizit vorsieht, neu verhandeln. Das wird unter anderem von Deutschland strikt abgelehnt. Hollande will auch den Spitzensteuersatz für Reiche mit Einkommen von mehr als einer Million Euro auf 75 Prozent erhöhen. Sarkozy tritt hingegen für eine Fortsetzung des Sparkurses ein und kündigte eine noch striktere Einwanderungspolitik an.

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