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Frankreich zittert, Deutschland wärmt

Frankreich braucht Strom aus Deutschland. Dabei hatte Frankreich Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft kritisiert und vor Engpässen bei der Stromerzeugung gewarnt. Jetzt, in der Kälte, produzieren Frankreichs 55 Atomkraftwerke aber zu wenig Strom, und Frankreich muss Strom aus Deutschland importieren.

Dem Atomstromland Frankreich drohen Stromausfälle, besonders im Norden sind die Stromnetze zu schwach, um den Bedarf zu decken. Industriebetriebe, die viel Strom brauchen, werden von der Regierung aufgefordert, ihre Produktion zurückzufahren. Die Bürger werden gebeten, abends keine Waschmaschinen einzuschalten.

Techniker in Stromleitstelle in La Chapell, Frankreich

Reuters/Stephane Mahe

Verbrauch stieg zuletzt stark an

In der Kältewelle stieg Frankreichs täglicher Stromverbrauch auf ein Allzeithoch. Der Bedarf, besonders abends, wenn die Franzosen zu Hause sind, entspricht der Leistung von mehr als 80 Atomreaktoren mit je 1.200 Megawatt Leistung. Deutschland braucht in Spitzenzeiten nur halb so viel Strom, obwohl es mehr Einwohner hat, weil es in Deutschland weniger Stromheizungen gibt als in Frankreich.

Stromheizungen sind schuld

Mit jedem Grad, mit dem die Außentemperatur sinkt, steigt der Stromverbrauch in Frankreich rasant. Die Erklärung liefert laut der deutschen Tageszeitung „Handelsblatt“ (Donnerstag-Ausgabe) die französische Netzgesellschaft RTE. Rund sieben Millionen Haushalte heizen fast ausschließlich mit Strom.

„In den 70er und 80er Jahren wurde stark dafür geworben, um die Atomkraft zu popularisieren. Was nicht so laut gesagt wird: Wärmeisolierung von Wohnungen ist weitgehend unbekannt, es zieht in allen Ecken. Einfachverglasung ist auch in teuren Pariser Wohnungen der Standard. Statt zu isolieren, dreht man wie früher in der DDR einfach die Heizung höher“, schreibt das „Handelsblatt“.

Das könnte teuer werden. Das alte Argument, Atomstrom sei billig, hält nicht mehr. Der französische Rechnungshof stellte laut der Zeitung letzte Woche in einem Bericht fest, dass die Megawattstunde teurer sei als bisher erwartet. Hinzu komme, dass in Frankreich viele Atomkraftwerke bald ihre Altersgrenze erreichen würden. Um den Leistungsverlust auszugleichen, müsse Frankreich also künftig viel Geld in die Hand nehmen, für neue Atomkraftwerke, die Aufrüstung der alten oder für den Ausbau alternativer Energien. Daher sei anzunehmen, dass die Strompreise steigen.

Deutscher Strom aus Kohle und Gas

Dass Frankreichs Energieversorger nun ausgerechnet von Deutschland Stromhilfe brauchen, ist für die französische Regierung bitter. Frankreich hat die Stilllegung von acht Atomkraftwerken in Deutschland kritisiert und vor negativen Folgen des deutschen Atomausstiegs gewarnt. Deutschland musste teilweise auch Strom aus Frankreich importieren.

Gefrorener La Villette Kanal in Paris

Reuters/Jacky Naegelen

Eisige Kälte auch in Paris

Jetzt, in der Kälte, muss Deutschland den französischen Energiekonzernen aushelfen. Der Strom aus Deutschland kommt in erster Linie aus Kohle- und Gaskraftwerken - und auch aus den verbleibenden Atomkraftwerken. Wind- und Solaranlagen liefern momentan relativ wenig Strom. Weil auch in Deutschland die Lage angespannt ist, müssen sogar alte Ölkraftwerke Strom produzieren, die besonders teuer sind, ein Beweis, dass es auch in Deutschland kaum noch Reserven gibt.

Auch in Deutschland Angst vor Engpass

Auch in Deutschland ist die Lage angespannt. Laut „Handelsblatt“ sind die deutschen Stromnetze bereits an der Belastungsgrenze, vier Netzbetreiber bereiten bereits Maßnahmen gegen drohende Stromausfälle vor. In Frankreich bemüht man sich unterdessen um Begrenzung des Imageschadens in Sachen Stromversorgung. Frankreichs Energieminister Eric Bresson sagt, die aktuelle Lage sei eine Ausnahmesituation. „Übers Jahr gesehen sind wir Stromexporteur.“

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