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Späte Wende in der CSSR

Während in Polen Verhandlungen von Opposition und Regierung am Runden Tisch zu freien Wahlen führten, in Ungarn der Eiserne Vorhang löchrig wurde und in Russland Michail Gorbatschows „Perestroika“ bereits im vollen Gange war, schien das KP-Regime in der Tschechoslowakei noch fest im Sattel. Die Grenze dicht.

Erst Mitte November 1989 zog die „Samtene Revolution“ über das Land. Die kommunistische Führungsriege gab dem Druck der Straße nach. Und Ende Dezember wurde der Schriftsteller und Bürgerrechtsaktivist Vaclav Havel zum Präsidenten gewählt.

Als Vorzeichen der späteren Wende gilt die „Palach-Woche“. In der dritten Jänner-Woche 1989 gedachten Bürgerrechtler unter der Führung von Vaclav Havel an den Studenten Jan Palach, der sich am 19. Jänner 1969 aus Protest gegen die Okkupation der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Pakts demonstrativ verbrannt hatte. Das KP-Regime hatte Angst, dass die historischen Ereignisse umbewertet werden könnten.

Brutale Reaktion des Regimes

Die Polizei reagierte brutal auf die Demonstranten, die bloß Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet hatten. Das Vorgehen der Staatsmacht provozierte weitere Proteste. Erstmals seit 1969 lehnten sich Menschen wieder öffentlich gegen das Regime auf. Havel wurde verhaftet, blieb vier Monate inhaftiert. Auch der damalige Wortführer der Bürgerrechtsbewegung Charta 77, Alexandr Vondra, musste für zwei Monate hinter Gitter. Der Widerstand verstummte nach einer Woche wieder.

Vavlav Havel 1989 in einer Diskussionsrunde

AP/Novy

Havel während der Revolution bei einer Diskussion mit anderen Mitgliedern des Bürgerforums

Erst am 28. Oktober hatten die Charta 77 und andere Organisationen wieder zu einer Kundgebung aufgerufen. Sie wollten auf dem Prager Wenzelsplatz der Gründung der demokratischen Tschechoslowakei im Jahr 1918 gedenken. Die Polizei ging gegen die mehr als 10.000, teils singenden Demonstranten erneut mit Schlagstöcken vor. 250 Personen wurden festgenommen.

Großdemos in Prag und Bratislava

Oppositionelle Kräfte ließen sich davon nicht einschüchtern. Zehntausende Demonstranten versammelten sich am 17. November in Prag und Bratislava zu den größten Protestkundgebungen seit 1969. Sie forderten politische Veränderungen sowie die Absetzung des reformunwilligen KP-Parteichefs Milos Jakes. Wieder einmal stellte sich die Polizei den Demonstranten entgegen, prügelte auf sie ein und verwendete Tränengas. Rund 150 Personen wurden verletzt. Medienberichte, wonach ein Student gestorben sei, erweisen sich zwar später als falsch. Aber eine Welle der Entrüstung ging durch das Land.

„Bürgerforum“ und tägliche Demos

Aus Protest gegen die Brutalität der Polizei traten in Prag mehr als 20 Theater in einen Streik. Die Theater verwandelten sich in Diskussionsclubs. Im Schauspielclub wurde das Bürgerforum (OF) gegründet, das sich gemeinsam mit der slowakischen Öffentlichkeit gegen Gewalt (VPN) als treibende Kraft für den Fall des Kommunismus etablierte. Die Demonstrationen gingen weiter, beinahe täglich, und schwollen auf immer mehr Menschen an. Zum Symbol des sanften Widerstands wurden Schlüsselbünde. Die Menschen wollten mit ihren über dem Kopf klingelnden Schlüsseln die Wende einläuten.

„Das Volk ist nicht auf unserer Seite“

Die „Samtene Revolution“ zeigte Wirkung, die Ereignisse folgten Schlag auf Schlag: Am 24. November traten KP-Chef Jakes und die gesamte Parteiführung der KPC zurück. Am 7. Dezember folgte Regierungschef Ladislav Adamec, und drei Tage später legte der kommunistische Staatschef Gustav Husak sein Amt zurück. Der neue KP-Generalsekretär Karel Urbanek gestand öffentlich einen Vertrauensverlust der KP ein: „Das Volk ist nicht auf unserer Seite.“

Elf der 18 Regierungsmitglieder traten zurück. Am 9. Dezember gab der neue Ministerpräsident Marian Calfa sein Kabinett bekannt. Es wird die erste nicht kommunistisch dominierte tschechoslowakische Regierung seit 41 Jahren. Und bei der Präsidentenwahl am 29. Dezember 1989 wird das erste nicht-kommunistische Staatsoberhaupt seit 1948 bestimmt: Vaclav Havel.

Ende für Eisernen Vorhang

Am 30. November beschloss die neue Prager Regierung die Beseitigung des „Eisernen Vorhangs“ an der Grenze zu Österreich. In Österreich war man auf einen „Sturm“ der CSSR-Bürger gefasst, der sich vorerst als ein „Lüfterl“ herausstellte. Nach einem zögerlichen Start rollte ab 6. Dezember eine Welle von Tagestouristen ins Land. Die Menschen kamen, schauten und kauften aber nur wenig. Am 17. Dezember setzten Außenminister Alois Mock (ÖVP) und sein tschechoslowakischer Amtskollege Jiri Dienstbier dann den symbolischen Akt: Sie durchschnitten den Stacheldraht beim Grenzübergang Kleinhaugsdorf-Hate. Die Fotos gingen als Sinnbild für das Ende des Kalten Krieges um die Welt.

Alexandra Demcisin, APA

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