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„Wahrheit und Liebe müssen siegen“

Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel ist tot. Seine Assistentin Sabina Dancecova bestätigte, Havel sei Sonntagfrüh in seinem Wochenendhaus im Schlaf gestorben. Erst vor wenigen Wochen, am 5. Oktober, hatte der einstige Dissident und Schriftsteller seinen 75. Geburtstag gefeiert.

Havel war der Protagonist schlechthin der „Samtenen Revolution“ und der erste frei gewählte Präsident nach dem Fall des kommunistischen Regimes, das der Dissident selbst als „Absurdistan“ bezeichnete. Als Präsident half er beim teils schwierigen Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft. Auch fiel unter seine Amtszeit die Aufspaltung der Tschechoslowakei in die Tschechische Republik und die Slowakei.

Havel symbolisierte mit seiner Erscheinung und unprätentiösen Art die Macht des Volkes, eine Diktatur friedlich besiegen zu können. „Wahrheit und Liebe müssen über Lüge und Hass siegen“, so einer von Havels berühmten Sätzen, der zu seinem revolutionären Motto wurde.

Vaclav Havel winkt von einem Balkon den Menschenmassen

Reuters/Petar Kujundzic

Havel im September 1989 in Prag

Seit Jahren Lungenprobleme

Havel, der lange Jahre Kettenraucher war, litt seit Jahren unter einer angeschlagenen Gesundheit. Deswegen beschränkte der sichtlich müde und abgemagerte Havel, dem die Ärzte 1996 einen bösartigen Tumor aus der Lunge entfernt hatten, auch seine öffentlichen Auftritte auf ein Minimum. Als er dem derzeitigen Staatspräsidenten Vaclav Klaus im Juni schriftlich zu seinem 70. Geburtstag gratulierte, schrieb er unter anderem: „Heuer möchte ich Dir besonders Gesundheit wünschen. Glaub’ mir, ich weiß, wovon ich rede.“

Für einen Termin nahm er sich aber doch Zeit - für die Premiere seines Films „Abgang“ (auf Tschechisch „Odchazeni“), den er 2010 selbst als Regisseur, auf Basis seines gleichnamigen Theaterstücks, in Szene setzte und sich damit einen alten Traum erfüllte. Die Kritiker warfen ihm zwar vor, das Theaterstück nicht in die Filmsprache adaptiert zu haben, das hält ihn allerdings von weiterer schöpferischer Arbeit nicht ab.

Vaclav Havel mit Thomas Klestil

AP/Martin Gnedt

Im Jahr 2003: Havel und Bundespräsident Thomas Klestil

Zuletzt hatte er angekündigt, sein nächstes und letztes Theaterstück schreiben zu wollen. Ideen dafür habe er bereits und einen Titel: „Sanatorium“, so Havel. Noch vor wenigen Tagen begrüßte er in Prag das Oberhaupt der Tibeter im Exil, den Dalai Lama. Dabei war Havel, der sich beim Gehen auf einen Stock stützte, sichtlich müde und abgemagert.

Präsident bei Zerfall der Tschechoslowakei

An der Spitze des tschechoslowakischen bzw. tschechischen Staates stand er in den Jahren 1989 bis 2003 - mit einer mehrmonatigen Pause 1992/1993, als der gemeinsame föderative Staat der Tschechen und Slowaken zerfiel. Damals betrachtete er den Untergang der Tschechoslowakei als eine persönliche Niederlage, weil er sich als Staatsoberhaupt sehr für die Aufrechterhaltung des 1918 von seinem Idol Tomas Garrigue Masaryk gegründeten Staates einsetzte.

Vaclav Havel zündet am 20. Jahrestag der Samtenen Revolution eine Kerze an

APA/EPA/Filip Singer

Havel im November 2009 beim Gedenken an die „Samtene Revolution“

Später korrigierte Havel jedoch seine Auffassung in Bezug auf die Teilung der Föderation. „Wie bizarr es auch immer passierte, ist es doch gut, dass es passierte“, betonte er. In seiner Amtszeit setzte sich Havel betont für die Anbindung seines Landes an NATO und EU ein. Immer wieder warnte er auch den Westen vor einer zu nachgiebigen Haltung gegenüber Moskau - so etwa auch 2008 im russisch-georgischen Konflikt.

Leitfigur der „Samtenen Revolution“

Auf die Prager Burg - den Sitz des Präsidenten - brachten Havel die Umbruchereignisse vom Herbst 1989. Noch im selben Jahr verbrachte er einige Monate im Gefängnis des kommunistischen Regimes. Im November 1989 wurde er zur Symbolfigur der „Samtenen Revolution“. Gegen den Kommunismus kämpfte der am 5. Oktober 1936 in eine bekannte Prager Unternehmerfamilie hineingeborene Havel jahrzehntelang.

Wegen seiner „bourgeoisen Herkunft und Gesinnung“ konnte er seine Studienpläne nicht verwirklichen, so dass er gezwungen war, eine Ausbildung als Chemielaborant zu beginnen. Sein ursprünglicher Wunsch, Geschichte und Philosophie zu studieren, scheiterte wiederholt an den ideologischen Hürden des Regimes.

Vaclav Havel mit Papst Johannes Paul II.

AP/Paolo Cocco

Havel 2002 auf Besuch bei Papst Johannes Paul II.

Vom Bühnenarbeiter zum Dichter

Mit seiner Selbstverwirklichung begann Havel Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre in den Prager Theatern, wo er zunächst als Bühnenarbeiter und später auch als Schauspielautor tätig war. Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 fiel er noch stärker in Ungnade. 1977 gehörte er zu den Gründern der Untergrundinitiative für Menschenrechte „Charta 77“, was ihn später für mehrere Jahre ins Gefängnis brachte. Seine literarischen Aktivitäten setzte Havel trotz des Verbotes seiner Stücke und eines Lebens als Hilfsarbeiter und Dissident bis 1989 fort.

„Monströse, stinkende Maschine“

Drei Tage nach seiner Wahl zum Präsidenten sagte Havel in einer vom TV übertragenen Rede: „Aus einem talentierten und souveränen Volk machte uns das Regime zu kleinen Schrauben in einer monströs riesigen, klappernden und stinkenden Maschine.“

Obwohl Havel auch nach der Wende weiter als moralische Stimme geehrt wurde, die auf Fehler und Schwächen in der neuen Republik hinwies, drang Havel immer weniger in der tschechischen Innenpolitik durch. Immer mehr wurde auch der anfangs lustvoll gegen Konventionen verstoßende Havel vom „grauen“ Politalltag eingeholt.

Rivalität mit Nachfolger

Seine Versuche, rivalisierende Politiker und Parteien zur Zusammenarbeit zu bewegen, wurden vor allem vom heutigen Präsidenten und damaligen Bürgerforums- und späteren ODS-Chef Vaclav Klaus wiederholt als nicht verfassungsgemäß scharf zurückgewiesen. Auch die Medien verschärften mit den Jahren ihren Ton, und selbst seriöse Zeitungen stellten Havels politische Visionen infrage. Der 75-Jährige räumte selbst ein, dass er in außenpolitischen Fragen deutlich glücklicher agierte als in der Innenpolitik.

Havel wurde mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert und erhielt Dutzende Ehrungen auf der ganzen Welt.

Zwei Ehen blieben kinderlos

Im Jänner 1996 starb seine erste Ehefrau Olga, die ihn in den schweren Jahren der Aufenthalte im kommunistischen Gefängnis moralisch gestützt hatte. Anfang 1997 heiratete er überraschend die bis dahin populäre und um 17 Jahre jüngere Schauspielerin Dagmar Veskrnova. Das neue Lebensbündnis ermunterte ihn psychisch so weit, dass er mit Dagmar an ein Kind dachte. Dieser Wunsch blieb jedoch unerfüllt. Auch in der ersten Ehe hatte er keinen Nachwuchs.

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