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Pannen und Widrigkeiten

Auf die Frage, ob der Filmdreh mühsam war, blickt Matthew Mark Meyer gequält grinsend gen Himmel und meint: „Aber am Ende hat es sich ausgezahlt.“ So wie das ganze Team war der Hauptdarsteller von „New York, November“ viele Jahre lang mit dem Noir-Thriller beschäftigt. Von der ersten Drehbuchseite bis zur Premiere vergingen 14 Jahre voller Pannen.

Schon die Idee zum Film ist einer solchen zu verdanken. Die beiden Kärntner Joachim Krenn und Gerhard Fillei wollten in New York eine Filmschule besuchen. Es schien bereits alles fixiert, an Ort und Stelle klappte die Anmeldung dann doch nicht. Aber weil man schließlich schon mal da war, wurde 1997 ein Drehbuch geschrieben und auch gleich mit dem Dreh begonnen.

Zwei Tage vor den ersten Aufnahmen ging es los: Der ursprüngliche Hauptdarsteller wurde krank. Matthew Mark Meyer war für eine Nebenrolle gecastet und hatte einen Tag Zeit, sich zu überlegen, ob er einspringen möchte - und dann einen weiteren, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Dafür sollte er zwischen den einzelnen Drehterminen noch genügend bekommen - denn immer wieder ergaben sich Probleme mit der Finanzierung.

Filmszene aus New York November

www.adrialpe-media.at

Bruce auf der Flucht - Dana kommt ihm nahe

Krenn und Fillei, beide Familienväter, butterten alles in das Projekt, was sie entbehren konnten. Dennoch ergaben sich immer längere Pausen, bis man sich dazu entschloss, die Rechte an dem Film an eine Produktionsfirma zu verkaufen. Das wiederum entpuppte sich als Fehler. Die Produktionsfirma machte sieben Jahre lang gar nichts. Heimlich drehten die Kärntner mit ihrem Filmteam weiter, bearbeiteten das Script und kümmerten sich sonst um einiges.

Die Handlung

Bruce McGray kann als einziger der drei Täter nach einem Banküberfall mit einer Kugel im Oberkörper fliehen, wird aber bis nach New York verfolgt. Dort holt ihn die eigene traumatische Vergangenheit ein, seine Brutalität erklärt sich durch ein Kindheitserlebnis. Auf seiner Flucht erfährt Bruce unerwartet Zuneigung durch Dana, die wie er weiß, was es heißt, zu leiden.

Der verschwundene Schauspieler

Manche der Schauspieler hatten dennoch bis zu acht Jahre Pause zwischen zwei Drehterminen, was zu Komplikationen führte. Einer etwa, vollkommen unentbehrlich für die Handlung, war zwischenzeitlich verschwunden und unauffindbar. Schon Wochen vor dem Beginn der Aufnahmen wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Ein Freund bei der Polizei suchte mit Sozialversicherungsnummer, das Internet wurde intensiv durchkämmt, im ehemaligen Grätzel des Mannes wurden Zettel mit seinem Foto aufgehängt.

Schließlich stellten sich Krenn und Fillei darauf ein, das Drehbuch komplett umschreiben zu müssen. Am selben Abend spazierten sie noch einmal durch das Viertel auf dem Weg in das Lokal, in dem ihr Darsteller früher gearbeitet hatte. Weil die Straße blockiert war, gingen sie in eine andere Bar und zeigten dort der Kellnerin das Foto. Die war verstört - zeigte es doch ihren Lebensgefährten. Endlich kam man wieder zusammen.

Hauptdarsteller sah plötzlich anders aus

Ein anderes Mal gab es Probleme mit Matthew Mark Meyer. Der war zwar da, aber nicht mehr derselbe: Er hatte 14 Kilo zugenommen - eine dänische Freundin, die gut kochen konnte, erzählte er gegenüber ORF.at, sei daran schuld gewesen. Also schoben die Regisseure einen Monat dazwischen, kauften ihm Laufschuhe und jagten ihn täglich zum Rundenlaufen in ein Baseballstadion. Bis er genug abgenommen hatte, um wieder halbwegs so auszusehen, wie in den Szenen davor.

Schließlich ging alles gut aus. Finanziell und rechtlich riss die Adrialpe Media unter Carl Hollmann das Team aus der Misere, weitere Geldgeber halfen. Der Film ist nun fertig, er wird bereits seit einem Jahr von Festival zu Festival gereicht. Prominentes Kritikerlob konnte er ebenfalls einheimsen: „Ganz großes Kino“, hieß es bei 3Sat. „Eine ähnliche visuelle Brisanz hat man lange nicht mehr in einem Debüt gesehen“, der Film sei „tiefberührend und schön“, schrieb der „Tagesspiegel“.

Regisseure Joachim Krenn und Gerhard Fillei bei der Premiere

F.Hollmann

Links Carl Hollmann, der vor Rührung kaum sprechen konnte, neben ihm Fillei und Krenn; rechts im Bild Meyer mit blaugeschlagenen Augen

Perfektionisten unter sich

Der Film orientiert sich stilistisch am Neo-Noir und ist großteils in Schwarz-Weiß gehalten. Dass die Arbeit so viele Jahre in Anspruch nahm, hat nicht nur mit den finanzierungsbedingten Pausen zu tun. Krenn und Fillei sind Perfektionisten, wie man sie nur noch selten findet - und schon gar nicht bei einem Filmdebüt. Jedes einzelne Bild besticht durch diese Perfektion. Die Musik hat sich Sascha Selke zur Wissenschaft gemacht und aufwändig in Hongkong produziert.

Auch die schauspielerische Leistung überzeugt, obwohl die meisten der Darsteller, was Kino betrifft, sonst nicht gerade als überbeschäftigt gelten dürfen. Vor allem Matthew Mark Meyer steht in seiner Darstellung eines flüchtenden Verbrechers großen Stars seines Faches um nichts nach. Vom Typ her erinnert er ein wenig an Leonardo DiCaprio. Der dauernde Schmerz durch eine Schusswunde, dazu die Drogen, auch Johnny Depp im Jim-Jarmush-Western „Dead Man“ drängt sich als Vergleich auf.

Bis zur Selbstverletzung

Meyer und die beiden Kärntner haben sich nicht von ungefähr getroffen, sie sind aus demselben Holz geschnitzt. Kompromisse geht auch Meyer keine ein. Als es in einer Szene darum ging, sich mit einer Pinzette eine Kugel aus dem Oberkörper zu entfernen, verletzte er sich dabei absichtlich so schwer, dass man heute noch die Narbe sieht. Er wollte den Schmerz fühlen, um ihn möglichst unmittelbar darstellen zu können - so wie sein großes Vorbild Robert de Niro es einst getan hatte.

Wenn er heute davon erzählt, empfindet er immer noch sichtlich Schmerz - aber wohl eher deshalb, weil Krenn und Fillei die Szene herausgeschnitten haben. Meyer hat also umsonst gelitten, außer vielleicht für die Erfahrung. Er beklagt, dass Qualität und Einsatz heute im Filmbusiness immer weniger belohnt würden und hat sich selbst ausschließlich dem Independent-Film verschrieben. Zusätzlich hilft er in einer Galerie aus. Seine Wohnung in Brooklyn ist klein - aber er liebt die Gegend.

Als Meyer bei der abendlichen Premiere mit Sonnenbrillen auftaucht, geht das Publikum zunächst von einer missglückten Coolness-Demonstration aus. Dann jedoch nimmt er die Brille ab - und es zeigen sich zwei zugeschwollene, blaue Augen. Nie habe er Schlägereien, erzählt Meyer, aber ausgerechnet kurz vor der Premiere seines größten Films wurde er auf einer Party unerwartet angegriffen. Dennoch lässt er sich von Journalisten und vom Premierenpublikum fotografieren.

Wenn sich Sturheit auszahlt

Die Sturheit und der Einsatz aller Beteiligten haben ein bemerkenswertes Ergebnis gezeitigt, dem man die anstrengende Entstehungsgeschichte nicht anmerkt. Ein Wermutstropfen sind die Voice-over-Texte aus der Sicht der Hauptfigur. Sie sollen die Handlung psychologisch und philosophisch stützen, sind aber etwas platt geraten. Und insgesamt könnte beim Schnitt (zuletzt die Kürzung von drei Stunden auf eine Stunde und 45 Minuten) ein wenig an relevanter Information verloren gegangen sein, was für Verwirrung sorgt, die über das bei einem Film dieser Art erwünschte Ausmaß hinausgeht.

Die Intensität des Schauspiels, die umwerfenden Aufnahmen vom verregneten, düsteren New York, veritable Thriller-Spannung und schließlich das Zusammenspiel sämtlicher Elemente, bei denen auf jedes Detail geachtet wurde, machen das jedoch mehr als wett. Und man darf mehr vom Kärntner Regieduo erwarten. Derzeit arbeiten sie an zwei Drehbüchern, eines davon wird ein Kammerspiel sein, wie sie gegenüber der APA erklären: „Nach so einem Projekt wünscht man sich etwas klein Dimensioniertes“, so Krenn. Allerdings streben die beiden auch künftig eher internationale Projekte an: „Mit unseren Schulden dürfen wir gar nicht anders denken.“

Simon Hadler, ORF.at

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