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20er Haus plus eins

Saniert und unter neuem Namen wird im November das 20er Haus eröffnet. Am Dienstag wurde die weit fortgeschrittene Baustelle der Presse präsentiert. Das Zwischenergebnis überzeugt durch Funktionalität, ohne an formaler Stringenz eingebüßt zu haben. Der denkmalgeschützte Bau im Schweizergarten beim Arsenal steht unter der Leitung des Belvederes und wird zum 21er Haus.

Belvedere-Chefin Agnes Husslein wird am 15. November den renovierten Österreich-Pavillon - einst temporärer Ausstellungsraum für die Weltausstellung 1958 in Brüssel - eröffnen. Als 21er Haus wird er unter anderem den Nachlass des Bildhauers Fritz Wotruba beherbergen. Zunächst wird eine Installation zeitgenössischer Künstler zu sehen sein. Auch in Zukunft soll österreichische Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts im Mittelpunkt stehen. Auch die Artothek des Bundes wird in dem Gebäude zu finden sein. Vorträge, Filmvorführungen und Konzerte ergänzen das Programm.

21er Haus

ORF.at/Roland Winkler

Hauptgebäude und Büroturm

An der Architektur des Hauses hat sich nur auf den allerersten Blick nicht viel geändert. Denn das Grundgerüst blieb erhalten. Doch früher stand die Halle „auf der Wiese“ - sie hatte kein Untergeschoss. Nun wurden zwei Stockwerke in die Tiefe gegraben - allerdings auf einer größeren Fläche als das Grundgerüst des Hauptgebäudes. So ist ein Atrium entstanden - eine Außenfläche, die als Gastgarten für das neue Kaffeehaus und als Skulpturengarten genutzt werden wird. Auf der einen Seite sieht man also auf die Kaffeeterrasse, auf der anderen in den Dschungel des Schweizergartens. Die Lage neben der Südbahnhofbaustelle wird so kaum spürbar sein.

„Imaginäres Gebäude aufgebaut“

Mit dem Umbau beauftragt wurde Architekt Adolf Krischanitz, ein Schüler von Karl Schwanzer (1918-1975), dem Architekten des ursprünglichen Gebäudes. Gegenüber Ö1 erläutert Krischanitz: „Wir haben in einer Art Doppelhelix-Verfahren um das bestehende Gebäude ein imaginäres weiteres gebaut. Wir haben quasi das bestehende Gebäude mit Räumen eingekreist, die Dienstbarkeiten für das bestehende Gebäude liefern“ - mehr dazu in oe1.ORF.at. Und auch inhaltlich soll das 21er Haus wieder an seine frühere Bedeutung anschließen - also zeitgenössische Kunst in einem internationalen Kontext zeigen.

21er Haus

ORF.at/Roland Winkler

Skulpturengarten und Kaffeehaus im Untergeschoss

Der schwere Stand der Moderne

Der 1958 mit einer Goldenen Medaille in Brüssel ausgezeichnete Österreich-Pavillon von Schwanzer - mit seiner von der VÖEST geschaffenen Stahlkonstruktion - bot sich damals als Provisorium für ein Museum zeitgenössischer Kunst an, bis der in Österreich nicht beheimateten modernen Kunst ein eigenes Haus gebaut werden konnte.

Die Moderne hatte in Österreich nach 1945 einen mehr als schweren Stand, wovon nicht nur die schwierige Heimkehr von Oskar Kokoschka aus dem englischen Exil Zeugnis ablegt. In Österreich war schon die Ausrichtung einer Picasso-Schau ein Akt, der schwer gegen den Geschmack, gerade des zeitgenössischen Feuilletons, erkämpft werden musste. Ohne Persönlichkeiten wie Otto Mauer mit der Galerie nächst St. Stephan und Werner Hofmann, dem ab 1962 die Leitung des 20er Hauses anvertraut war, wäre man der zeitgenössischen Kunst mit noch größerem Unverständnis gegenüber gestanden.

Bauarbeiten für das 21er Haus

Belvedere (ORF.at)

Das Grundgerüst wurde „untergraben“

Schikanen und Versäumnisse

Die Eröffnungsschau des 20er Hauses „Kunst von 1900 bis heute“ musste zu zwei Drittel mit Leihgaben bestritten werden, denn Hofmann konnte als Gründungsdirektor in den drei Jahren der Vorbereitung gerade einmal einen Grundstock von 107 Werken aufbauen.

Die Möglichkeit einer ausführlichen und ausgewogenen musealen Bestandsaufnahme des 20. Jahrhunderts habe keine Verwirklichungschancen mehr, räumte Hofmann im Katalog zur Eröffnungsschau ein: „Die Meisterwerke sind rar und vielfach unbezahlbar geworden.“ Und Kunstkritiker Alfred Schmeller, der 1969 die Direktion übernahm, nannte die Ausstellung „das bittere Dokument der in Österreich versäumten Gelegenheiten“.

„Wo bleibt Leherb?“

Das Empfinden eines Versäumnisses scheint allerdings kein weit verbreitetes gewesen zu sein. In den Wiener Blättern zur Eröffnung wurde moniert: „Wo bleibt Leherb?“ oder etwa „zu den dümmsten Errungenschaften der modernen Kunst gehört das, was Arnulf Rainer seine ‚Übermalungen‘ nennt“.

1965 verkürzte das Museum die Öffnungszeiten während der Wintermonate, „da das Bundesministerium für Unterricht in diesem Monat keine Mittel zur Bezahlung der Stromkosten vornehmen konnte“. 1966 fand eine öffentliche Fernsehdiskussion - „Teure Kunst für unser Geld“ - statt, bei der dem Direktor der Kragen platzte, als jemand die Kunst in seinem Haus zum Scheiterhaufen errichtet sehen wollte, auf dem man deren Produzenten lebendig verbrennen sollte.

Interdisziplinäre Avantgarde

In der Direktion Hofmann wurden Ausstellungen von Hans Hartung, Fritz Wotruba, Robert Sebastian Matta, Emil Nolde, Friedensreich Hundertwasser, Paul Klee, Antoni Tapies, Fernand Leger, Frank Kupka, Charles Rennie Mackintosh und der Expressionistensammlung May gezeigt. Hier gestaltete Friedrich Cerha mit dem Ensemble „die reihe“ Konzertzyklen und Merce Cunningham und seine Dance Company produzierten 1964 „Museum Event No. 1“ - mit David Tudor, John Cage und Mitgliedern des Ensembles „die reihe“ in der Ausstattung von Robert Rauschenberg. Allerdings kamen zu Leger in den 1960er Jahren in Wien nur 7.200 Besucher, zu Tapies sogar nur 3.000.

1969 wurde Schmeller als Nachfolger von Hofmann bestellt, der sich vor allem darum bemühte, die Jugend ins Haus zu holen. Er startete Kindermalaktionen und Vermittlungsprogramme, lockte mit Modeschauen und Sommerfesten und öffnete das 20er Haus für die Wiener Festwochen, die dort das Avantgardefestival Arena veranstalteten.

Publikum blieb reserviert

Die Besucherzahlen von damals zeigen dennoch weiter eine erstaunliche Zurückhaltung gegen alle internationalen Öffnungsbemühungen - auch in den frühen 1970er Jahren. Dem Quotenhit „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“ (42.000 Besucher) stehen 2.702 Besucher bei der Schau des amerikanischen Minimalist-Stars Donald Judd gegenüber. Zu Robert Motherwell, einem führenden Vertreter des Abstrakten Expressionismus, fanden 1977 gerade einmal 4.385 Besucher. Harald Szeemanns legendäre „Junggesellenmaschinen“ brachten es in Wien auf 5.057 Besucher.

Schmeller ging 1979 als letzter Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts in Pension. Als Nachfolger und ersten Direktor des neu gegründeten Museums moderner Kunst wurde Dieter Ronte bestellt. Die Aussicht auf bedeutende Leihgaben und eine Stiftung des deutschen Mäzens Peter Ludwig hatte zur Gründung des Museums moderner Kunst (mumok) geführt, das im Oktober 1979 im Palais Liechtenstein eröffnet wurde. Schwanzers Pavillon (im Sommer 1979 wegen Renovierung geschlossen) wurde nun unter dem Obertitel Museum moderner Kunst gemeinsam mit dem Palais Liechtenstein geführt.

Die „Blockbuster“ vergangener Tage

In den 1980er Jahren war das Museum of Modern Art New York zu Gast. Jean Dubuffet, Andy Warhol, Oskar Kokoschka, Wassily Kandinsky, George Grosz, den Gugginger Künstlern, Arnulf Rainer, Maria Lassnig, Günter Brus, Christian Ludwig Attersee und dem Fotografen Ernst Haas waren große Ausstellungen gewidmet. 1990 wurde Lorand Hegyi zum Direktor bestellt. Zu den besucherstärksten Ausstellungen der 1990er Jahre im 20er Haus zählten die Präsentationen von Max Weiler, Nam June Paik, Picasso (aus der Sammlung Ludwig) sowie die Retrospektiven von Valie Export und Maria Lassnig.

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