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Mit Kavallerie gegen Demonstranten

Bis zu 100.000 unzufriedene Arbeiter marschierten am 17. September 1911 auf dem Wiener Rathausplatz auf. Sie protestierten gegen die ihnen aufgezwungenen katastrophalen sozialen Bedingungen, allen voran wuchernde Lebensmittelpreise und das Wohnungselend in den Außenbezirken Wiens. Die vorerst friedliche Kundgebung eskalierte in einer gewaltsam niedergeschlagenen Hungerrevolte.

Schlechte Ernten in den Jahren 1909 und 1910 hatten einen rasanten Anstieg der Lebensmittelpreise ausgelöst. Der Preis für Mehl etwa verdoppelte sich, Fleisch war für die breite Bevölkerung schier unerschwinglich. Hinzu kam, dass Grund- und Bauspekulationen die Wohnsituation verschlechterten und die Mieten in die Höhe schnellten. Die katastrophalen sozialen Verhältnisse trafen die Arbeiterschicht besonders hart. Sie lebten in vielen Fällen in elenden Verhältnissen am Existenzminimum, an den Rand Wiens gedrängt.

Am 17. September entlud sich schließlich der Unmut der arbeitenden Bevölkerung nach einer vorerst friedlichen Kundgebung auf dem Rathausplatz. Demonstranten warfen Steine, zahllose Fenster der Regierungsgebäude gingen zu Bruch, und Straßenbahnwaggons am Gürtel wurden umgeworfen und angezündet. Zur Unterdrückung der Proteste schritt nicht nur die Polizei mit Waffengewalt ein, sondern auch Militäreinheiten. Die Menge verbarrikadierte sich im Arbeiterbezirk Ottakring, Schulen wurden in Brand gesetzt, Geschäfte geplündert, die Truppen schossen auf die Proletarier. Schließlich wurde in dem Bezirk der Ausnahmezustand verhängt, die Unruhen konnten erst nach mehreren Tagen niedergeschlagen werden.

Drei Tote, Dutzende Verletzte

Die blutige Bilanz der Ereignisse: Drei Demonstranten starben während, beziehungsweise in Folge der Proteste, die Berichte von Verletztenzahlen reichen von 90 bis zu 200. Für großes Aufsehen sorgten im Anschluss an die Unruhen die ungewöhnlich harten Strafen, die gegen festgenommene Demonstranten verhängt wurden. Etwa 170 Personen wurden zu teils schwerem Kerker verurteilt.

Der massive Einsatz von Gewalt war beispiellos, wie Austromarxist Otto Bauer später festhielt: „Zum ersten Mal seit dem Oktobertag 1848, an dem die Truppen Windischgrätz’ die Hauptstadt dem Kaiser wiedererobert haben, ist in Wien auf das Volk geschossen worden. Was selbst in den gewaltigsten Stürmen des Wahlrechtskampfes nicht geschehen ist, hat sich am 17. September 1911 in Wien ereignet. In ganzen Stadtvierteln blieb kein Haus, kein Fenster, keine Laterne unversehrt.“

Nur bedingt Analogien zu Paris und London

Die Hintergründe des Aufstands wirken auf den ersten Blick angesichts der Jugendkrawalle in London, Paris und auch mehreren spanischen Städten topaktuell. Dort werden, beziehungsweise wurden, die Proteste zwar in erster Linie von Jugendlichen getragen, doch auch sie wehren sich vor allem gegen steigende Mietpreise und hohe Lebensmittelkosten. Für Hans Safrian, vom Zeitgeschichte-Institut der Universität Wien, sind diese Proteste mit jenen im 20. Jahrhundert aber nur bedingt vergleichbar.

„Nicht ‚nur‘ eine soziale Gruppe“

In der damaligen Situation gab es „ganz massive soziale Probleme, die nicht ‚nur‘ eine soziale Gruppe“ betrafen, sondern die gesamte Arbeiterschaft, sagte er gegenüber ORF.at. Die damalige Situation könne man sich heute gar nicht vorstellen - die Menschen hätten darum gekämpft, „wenigstens einmal die Woche ein Stück Fleisch auf den Teller zu bekommen“. Als wesentliche Unterschiede nennt er darüber hinaus, dass es vor 100 Jahren in der Monarchie keinen funktionierenden Sozialstaat gegeben habe, der die notleidenden Menschen aufgefangen habe.

Außerdem sei auch der Einsatz der Gewalt vonseiten des Staates 1911 nicht vergleichbar mit den heutigen Protestformen: Neben der Polizei kämpften die Kavallerie und Militäreinheiten, mit vorwiegend Bosniaken im Einsatz. „Das waren andere Protestformen“, so Safrian gegenüber ORF.at. Erfolgreich waren sie allerdings nicht - die Situation verbesserte sich für die Arbeiterklasse in Wien durch die Proteste nicht. Auch das sei ein wesentlicher Unterschied zur Lage in Großbritannien und Frankreich - beides Demokratien - wo über Vertretungen politischer Druck ausgeübt werden könnte, so der Historiker.

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