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„Einmaliger Eingriff in die Rechte“

Im Gespräch mit ORF.at erzählt „Bulb Fiction“-Regisseur Christoph Mayr über einen Ikea-Besuch als Auslöser, um sich näher mit dem Thema Energiesparlampen zu befassen, über Gemeinsamkeiten zwischen Quecksilber und Atommüll und über die satirisch gemeinte Aktion „Heatball“, die Glühlampen als dummerweise Licht aussendende Heizkörper definiert, um das Verbot zu umgehen.

Mayr ist sich sicher, dass es bei der Umstellung eher darum geht, mehr Geld zu verdienen, als Energie zu sparen.

ORF.at: Benutzen Sie eigentlich Energiesparlampen bei sich zu Hause?

Christoph Mayr: Selbstverständlich nicht! (lacht) Das wär ja absurd! Ich habe zwei Kinder, ich versuche, jedes mögliche Gefahrenpotenzial auszuschließen. Wobei man mit dem Ausdruck Energiesparlampen sehr vorsichtig sein muss. Das ist nämlich ein Euphemismus, der von der Industrie geprägt wurde, und zwar Mitte der 1980er Jahre von Osram.

Regisseur Christoph Mayr

ORF.at/Dominique Hammer

Christoph Mayr hat eine Mission

ORF.at: Man hat den Eindruck, das Glühlampenverbot einem Nebensatz in einer EU-Verordnung zu verdanken. Als ob das Brüssel so durchgerutscht wäre.

Mayr: Das ist absolut richtig. Ich habe diesen Eindruck gewonnen. Die Geschichte hat viele Väter: Einerseits wollten Politiker gegen den Klimawandel auftreten. Und sie wollten es sich nicht mit der Industrie verscherzen. Die hat gesagt: Wo sind höhere Margen, und wie viel verdienen wir noch mit Glühlampen? Mit Glühlampen verdient man halt um einiges weniger als mit Energiesparlampen. Dann die NGOs, die endlich einmal einen vorzeigbaren Erfolg aufweisen können und sich nicht nur als Verhinderer positionieren, sondern auch als Ermöglicher. Schließlich die Konsumenten, die, wie es hieß, 50 bis 60 Euro im Jahr sparen sollten – es gab nur Sieger!

ORF.at: Gleich als Erstes im Abspann sind die Unternehmen erwähnt, die nicht zu Ihrem Film beitragen wollten, darunter Osram und Philips.

Mayr: Philips hat ein Interview gegeben - aber beim Thema Energiesparlampen sofort geblockt! Die wollten bloß das Thema LED pushen.

ORF.at: Das in „Bulb Fiction“ überhaupt nicht vorkommt.

Mayr: Haben wir absichtlich außen vor gelassen. Es hätte eine zu große Tür geöffnet.

ORF.at: Sind Sie denn ein leidenschaftlicher Verfechter der Glühbirne?

Mayr: Nein. Natürlich mag ich das Licht der Glühbirne lieber, aber das war nicht der Ausgangspunkt meiner Reise. Es geht in dem Film ja nicht um die Glühbirne und nicht um die Energiesparlampe, es geht um Mechanismen. Das Glühlampenverbot ist ein einmaliger Eingriff in die Rechte der EU-Bürger. Es wurde das erste Mal ein Produkt verboten, das nicht gefährlich ist.

ORF.at: Was war denn der Ausgangspunkt Ihrer Reise?

Mayr: Da gibt es eine Anekdote: Ich war mit meiner Frau in einer Ikea-Filiale. In Innsbruck. Mein erster Sohn war damals zwei Jahre alt. Plötzlich höre ich meine Frau schreien. Da seh’ ich meinen Sohn, wie er seinen Kopf in einen Eimer steckt mitten im Gang. Ich laufe hin, meine Frau zieht ihn raus. Da steht ein großes Schild: „Wusstest Du schon? Energiesparlampen müssen recycelt werden! Du kannst sie bei uns zurückgeben.“ Auf diesem Mülleimer mit Klappendeckel stand drauf: Bitte nur Energiesparlampen, und drinnen waren auch Energiesparlampen – aber zerbrochene. Da habe ich mir gedacht: Okay, mit dem Bewusstsein auch von großen Konzernen - nämlich für die Gefährlichkeit von Quecksilber - ist es nicht weit her. Da hat mich das Thema angefangen zu berühren.

ORF.at: Im Film wird der Vergleich zwischen Quecksilber und Atommüll aufgemacht.

Mayr: Quecksilber ist das gefährlichste nicht radioaktive Element. So weit ist der Vergleich ja nicht hergeholt. Zweitens ist es auch so, dass es ein Endlager braucht. Drittens ist es so, dass es das Endlager noch nicht gibt. Also, der Vergleich ist nicht absurd.

ORF.at: Zwar nachgestellt, wie es im Film ja auch gesagt wird, dennoch amüsant ist die kleine Kuba-Sequenz. Kuba als erstes Land der Welt, das zu 100 Prozent glühbirnenfrei ist.

Mayr: Da kam ich gerade aus Mexiko, von einem anderen Film und hab von dort die Glühlampen mitgenommen. Sonst hätte es ja dort für diesen Nachdreh der Szene keine gegeben. (lacht)

ORF.at: Zwei junge Männer klopfen in dieser Szene, mit Baseballschlägern bewaffnet, an eine Tür. Man denkt, die haben nichts Gutes vor, dann stellt sich heraus: Mit den Schlägern zerstören sie die Glühbirnen, nachdem sie sie Haushalt für Haushalt aus den Fassungen gedreht haben.

Mayr: Kuba eignet sich einfach aufgrund der geografischen und politischen Situation sehr gut für Experimente. Das ist leider so. Auch aufgrund der wirtschaftlichen Notsituation. Es gibt das Gerücht - mehr ist es nicht -, dass Osram mit Fidel Castro übereingekommen ist, Kuba als Experiment für eine flächendeckende „Durchseuchung“ mit Energiesparlampen herzunehmen. (lacht). Ein Indiz, das in diese Richtung weist: Es gibt einen ganzen Straßenzug, der nur von LEDs beleuchtet wird - aus China.

ORF.at: Wie wird man denn jetzt, nach dem Verbot, aktiv, wenn man noch an die gute alte Glühbirne glaubt?

Mayr: Es ist schwierig. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir in einer funktionierenden Demokratie leben in Europa. Und dass Gesetze, die gemacht wurden, auch wieder zurückgenommen werden können. Wenn die Mehrheit in Europa stark genug ist und Politiker scharfen Gegenwind spüren, dann könnte das wieder zurückgenommen werden.

ORF.at: Wo kann ich mir, bis es so weit ist, Glühbirnen beschaffen?

Mayr: Sie sind ja noch legal, solange sie aus Lagerbeständen stammen. Und es gibt Websites, wo man auch Osram-Lampen - als Speziallampen tituliert - kaufen kann. Es gibt natürlich Hersteller, die langlebige Glühlampen herstellen, mit höherer Wattzahl, aber sie dürfen nicht an den Normalbürger verkaufen, auch nicht an den Gewerbetreibenden, sondern etwa an die Deutsche Bahn.

ORF.at: Und die beiden deutschen Ingenieure, die in China „Heatballs“ herstellen ließen und als prima Heizbälle anpriesen, die leider nebenbei noch ein bisschen Licht abstrahlen, dürfen das auch nicht?

Mayr: Denen geht es ja nicht ums Verkaufen. Diese Aktion hat die zwei Männer wahnsinnig viel Geld gekostet. Da geht’s um eine Satire. Die ihren Finger mit einer übertriebenen, aber legitimen Methode in die Wunde legt. Je mehr und humorloser die kritisierte Institution darauf reagiert, desto besser funktioniert die Satire. Deshalb ist das so fantastisch! Es gibt auch ein „Heatball“-Ausstellungsverbot! Darf ich nicht als Kunst ausstellen! Wann wurde das letzte Mal ein Ausstellungsverbot in Europa ausgesprochen? Diese Humorlosigkeit, die Abgehobenheit der Institution! Ich betone in jedem Interview, ich bin kein EU-Gegner!

ORF.at: Haben Sie denn Brüssel als so abgehoben erlebt?

Mayr: Sie wollen nicht als verschlossen gelten und geben Pro-forma-Interviews. Sich auf ein intensives Gespräch einzulassen, ist offensichtlich nicht vorgesehen.

ORF.at: Wie ist es Ihrer Meinung nach in Österreich um das Wissen um die Gefährlichkeit einer Energiesparlampe bestellt?

Mayr: Erstens weiß man nicht genau, wie gefährlich eine Energiesparlampe wirklich ist. Das hängt von sehr vielen Faktoren ab, nämlich von den berühmten Kombinationswirkungen. Wie gefährlich ist ein Auto, es kann tödlich sein oder ein wunderbares Vergnügen. Eine Energiesparlampe kann tödlich sein, aber kein wunderbares Vergnügen (lacht), aber sie kann ein bisschen hell machen. Das Bewusstsein ist, glaube ich, sehr sehr gering. Man darf nicht vergessen, dass uns über Jahrzehnte eingeredet wurde, dass wir der Umwelt und uns und den nachfolgenden Generationen etwas wahnsinnig Gutes tun, wenn wir das Ding benutzen. Dabei ist der Einspareffekt an Kohlendioxid durch die Energiesparlampe null.

Das Gespräch führte Alexander Musik, ORF.at

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