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Symbol für Vetternwirtschaft

Der Halbbruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, Ahmed Wali Karzai, ist in der südlichen Provinz Kandahar einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Das gab ein Sprecher des Provinzgouverneurs am Dienstag bekannt. Ahmed Wali Karzai war zu einem Symbol der Vettern- und Günstlingswirtschaft in seinem Land geworden und hatte viele Feinde.

Die radikal-islamischen Taliban bekannten sich zur Ermordung von Ahmed Karzai. Ein Taliban-Sprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag per Telefon, das sei „einer der größten Erfolge“ der Taliban seit dem Beginn der Frühjahrsoffensive. Die Taliban hätten einen Mann namens Mohammed Jan kürzlich mit der Ermordung Wali Karzais beauftragt. Mohammed sei dabei auch getötet worden.

Offenbar war er einer der Leibwächter Karzais. Er sei ein „Schläfer“ der Aufständischen gewesen und habe ihn getötet, hieß es vonseiten der Taliban weiter. Aus Sicherheitskreisen war bereits zuvor verlautet, Karzai sei von seinem Leibwächter mit einem Sturmgewehr erschossen worden. Eine Bestätigung der afghanischen Behörden gab es dafür zunächst nicht. Bereits in der Vergangenheit waren mehrmals Anschläge auf den einflussreichen Politiker verübt worden. Zuletzt hatte er im Mai 2009 einen Angriff der Taliban auf seinen Fahrzeugkonvoi überlebt.

Präsident: Jeder von uns leidet

Staatschef Karzai bestätigte den Tod seines Bruders. „So ist das Leben des afghanischen Volkes. Jeder von uns leidet, und wir hoffen, dieses Leid (...) beenden zu können“, sagte er in Kabul bei einer Pressekonferenz mit dem französischen Präsidenten Nikolas Sarkozy.

Hamid und Ahmad Wali Karzai sind eigentlich Halbbrüder. Sie haben denselben Vater, aber verschiedene Mütter. Das islamische Recht erlaubt es einem Mann, mehrere Ehefrauen zu haben. Daher sprach der Präsident auch in der Öffentlichkeit stets von seinem jüngeren Bruder. Ihr Vater Abdul Ahad Karzai hatte insgesamt sieben Söhne. Der Stammesfürst des eine halbe Million Menschen zählenden Popalsai-Stammes war einst in der pakistanischen Stadt Quetta erschossen worden. Die Täter wurden nie gefasst.

Auf Gehaltsliste des CIA

Ahmed Wali Karzai galt als einer der mächtigsten Männer in Südafghanistan. Er war Vorsitzender des Provinzrates von Kandahar. Die Provinz ist eine Hochburg der Taliban. Der Präsidentenbruder war eine der umstrittensten Persönlichkeiten des Kabuler Regimes. Behauptungen seiner Kritiker, er stehe auf der Gehaltsliste des US-Geheimdienstes CIA, nannte er „lächerlich“.

Lange Liste an Vorwürfen

Ahmed Karzai hat wiederholt alle Vorwürfe, insbesondere er sei korrupt und in Drogenhandel verwickelt, vehement zurückgewiesen. Doch die Liste der Vorwürfe in den letzten Jahren ist lange: So soll er gratis in einem Haus, das einem bekannten Drogenhändler gehört, gelebt haben; selbst direkt in den einträglichen Drogenhandel verwickelt gewesen sein, die Präsidenschaftswahl 2009 manipuliert haben und von der CIA bezahlte Angriffe auf Taliban-Ziele in Kandahar organisiert haben.

Der Halbbruder des Präsidenten hatte dagegen wiederholt betont: „Ich bin kein Drogendealer, ich war es nie und werde es nie sein. Ich bin ein Opfer bösartiger Politik“, so Karzai im Herbst 2009.

Vor Sowjets geflüchtet

Ahmed Wali Karzai hatte nach dem sowjetischen Einmarsch 1979 das Land verlassen und war mit einem großen Teil der Familie in den USA gelandet, wo sie Restaurants in San Francisco, Boston, Chicago und Baltimore betrieben. Er führte das Restaurant in Chicago, das 1992 schloss. Sein Aufstieg begann mit der Ernennung Hamid Karzais zum Chef einer Übergangsregierung nach dem Sturz des Taliban-Regimes durch die US-geführte Militärintervention 2001.

Soldaten werden abgezogen

Frankreich kündigte unterdessen an, es werde bis Ende nächsten Jahres 1.000 Soldaten aus Afghanistan abziehen. Das sei rund ein Viertel des französischen Kontingents, sagte Sarkozy am Dienstag bei einem Kurzbesuch auf einem Stützpunkt in der Nähe der Hauptstadt Kabul. Die USA starten in diesem Monat mit dem Abzug der ersten Soldaten und wollen bis zum Jahresende insgesamt 10.000 Soldaten nach Hause bringen. Zahlreiche Anschläge mit vielen Toten zeigten am Wochenende jedoch erneut, wie angespannt die Sicherheitslage in dem Land weiter ist.

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