Themenüberblick

„Neues Internetzeitalter“

Mit großer Mehrheit hat die ICANN am Montag der Zulassung spezieller Endungen für Webadressen zugestimmt. „Wir haben das System der Internetadressen für die unbegrenzten Möglichkeiten menschlicher Vorstellung geöffnet“, sagte Rod Beckstrom, Präsident und Generaldirektor der Non-Profit-Organisation, in Singapur.

Die Internetverwaltung setzte sich damit über Befürchtungen hinweg, die neuen Domains könnten das System der Namensgebung im Internet durcheinanderbringen. „Die verwirrende Anfangsphase wird kurz sein“, versprach ICANN-Vorstandmitglied Sebastian Bachollet. Die Entscheidung läute „ein neues Internetzeitalter“ ein.

Der Schritt ist die umfangreichste Änderung bei den Domainnamen seit der Einführung von ".com" vor 26 Jahren. Adressendungen in jeder Sprache und Schrift sind nun möglich. Auch Richard Wein, Geschäftsführer der österreichischen Domainregistrierungsstelle Nic.at, sieht eine „kleine Revolution im Internet“. „Es ist eine sehr wichtige Entscheidung, die für alle Beteiligten weitreichende Folgen hat,“ so Wein.

185.000 US-Dollar Bewerbungsgebühr

Neben Städten und Regionen kommen die generischen Top-Level-Domains (gTLD) vor allem für Branchen, Firmen und Marken infrage. Denn für die Bewerbung um eine neue Domainendung hat die ICANN die Hürden hoch gelegt. Allein für den Bewerbungsantrag werden 185.000 Dollar (129.000 Euro) fällig, zudem wird jeder Bewerber unter anderem in puncto markenschutzrechtlicher Aspekte genau geprüft. Auch müssen die Anwärter den Betrieb langfristig sichern können - mit einem Geschäftskonzept und entsprechend hohem Startkapital -, weshalb Private keine gTLD beantragen können.

Beobachter rechnen damit, dass vor allem Großkonzerne wie Apple bald von der Änderung Gebrauch machen. „Ich denke, dass sehr viele generische Begriffe wie ’.shop’ oder ’.web’ schnell beantragt werden, aber auch sogenannte Geo-TLDs wie Städte und Gemeinden“, so Wein. Fix vorbereitet sei etwa bereits der Start der Städte Berlin und Hamburg, die mit Nic.at-Technologie betrieben werden sollen. „Es wird aber auch kleinere TLDs geben, die ganz spezifische Berufsgruppen oder Communitys ansprechen werden.“

Auch die Stadt Wien hat bereits ihr Interesse an ".wien" und ".vienna" bekundet. „Wir sind gerade dabei, unterschiedliche Modelle für den Kauf zu prüfen“, sagte Johann Mittheisz von der Magistratsdirektion der Stadt Wien gegenüber ORF.at.

Anträge ab 2012 möglich

Die erste Bewerberrunde für die neuen individuellen Adressendungen ist von Jänner bis April 2012 geplant. Strikte Regeln sollen verhindern, dass in der Startphase große Mengen an Domains zu Spekulationszwecken reserviert werden. Die ersten Ergebnisse sollen dann im November kommenden Jahres vorliegen.

Derzeit gibt es 22 generische Top-Level-Domains (TLD) wie ".com" und ".org" und rund 250 Länderdomains wie die heimische Endung ".at", bei der aktuell 1.050.000 ".at"-Adressen registriert sind. Die Möglichkeiten einprägsamer Namen für die eigene Internetadresse sind dadurch zunehmend knapp geworden. Nach der Umstellung wird erwartet, dass es Hunderte zusätzliche gTLDs geben wird. Die letzte große Neuerung erfolgte 2009 mit der Einführung von Internetadressen in nicht lateinischer Schrift (Internationalized Domain Name, IDN). Seither sind auch Domainnamen in Chinesisch, Kyrillisch, Arabisch, Hebräisch, Hindi und griechischer Schrift möglich.

Links: