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Wie Reagan Aids „ermöglichte“

In einem Fachartikel am 5. Juni 1981 haben mehrere Mediziner die Erkrankung von fünf jungen homosexuellen Männern in Los Angeles beschrieben. Sie litten an einer extrem seltenen Lungenentzündung. Zwei der Patienten waren beim Erscheinen des ersten wissenschaftlichen Berichts über die tödliche Immunschwächekrankheit vor 30 Jahren bereits tot. Noch wusste niemand, dass ein bisher unbekanntes Virus die Ursache war.

Die Geschichte von Aids ist auch eine der schweren Versäumnisse. Homophobie und Ignoranz sorgten dafür, dass sich die Krankheit jahrzehntelang ungehindert entwickeln konnte. Mittlerweile forderte die von einer Krankheit im afrikanischen Busch zu einer weltweiten Seuche gewandelte Krankheit bereits mehr als 25 Millionen Todesopfer und damit deutlich mehr als alle zivilen und militärischen Opfer im 1. Weltkrieg.

Ehemaliger US-Präsident Ronald Reagan, seine Frau Nancy Reagan und Schauspielerin Liz Taylor

Corbis/CNP/White House

Elisabeth Taylor, eine Pionierin im Kampf gegen Aids, flehte Reagan um Hilfe an.

„Rache der Natur an den Schwulen“

Vor allem US-Präsident Ronald Reagan, unter dessen erster Amtszeit die Krankheit bekanntwurde, ignorierte die Gefahr der Aids-Epidemie. Im Gegenteil passte sie perfekt in sein homophobes Weltbild und er benutzte sie dafür, seine christlich-fundamentalistische, rechtskonservative Wählerbasis und deren Vorurteile und Abneigung gegen Homosexuelle zu bedienen. Laut „San Francisco Chronicle“ nannte Reagans damaliger Sprecher, Pat Buchanan, Aids wörtlich die „Rache der Natur an den Schwulen“.

Trotz von Monat zu Monat beängstigend steigender Infektionsraten und dem Ruf von Forschern und Gesundheitsexperten auf allen Ebenen, Geld für die Erforschung der Krankheit bereitzustellen, reagierte Reagans Regierung mit Gleichgültigkeit.

Seuche nicht unter Kontrolle

Zwar ging laut UNAIDS die Zahl der HIV-Infizierten seit 1999 um geschätzte 19 Prozent zurück. Doch auch im Vorjahr waren 33,3 Millionen Menschen HIV-positiv. Und die Ansteckungsraten sind noch immer hoch. Im Westen verlor die Seuche aufgrund der anti-retroviralen Therapie einen Teil ihres Schreckens. Millionen HIV-Infizierter in armen Ländern sind - wegen der hohen Kosten der Behandlung - weiter schutzlos der Krankheit ausgeliefert.

Reagans langes Schweigen

Auch als am 1. Februar 1983 bereits 1.025 Aids-Fälle und mindestens 394 Todesfälle allein in den USA festgestellt wurden, schwieg Reagan. Rund ein Jahr später berichtete das US-Zentrum für die Kontrolle und Verhütung von Epidemien von 4.177 Aids-Kranken und 1.807 Todesfällen - doch Reagan schwieg weiter.

Bei einem Dinner im Weißen Haus zeigte sich First Lady Nancy Reagan besorgt darüber, dass einer ihrer Gäste offenbar massiv Gewicht verloren hatte - im Juli 1985 wurde bekannt, dass der Hollywood-Star Rock Hudson an Aids erkrankt ist. Damit hatte die Epidemie erstmals ein weltweit bekanntes Gesicht. Doch Reagan sagte weiter nichts zu der sich immer rascher ausbreitenden Seuche.

1985 schrieb der demokratische Kongressabgeordnete Henry Waxman in der „Washington Post“, es sei „überraschend, dass der Präsident schweigen kann, obwohl 6.000 Amerikaner gestorben sind und dass er die Existenz der Epidemie ignorieren kann. Vielleicht sind seine Berater überzeugt, dass er keine andere Wahl hat, weil die Neue Rechte Spenden sammelte, indem sie gegen Homosexuelle Stimmung machte.“

Ehemaliger US-Präsident Ronald Reagan, seine Frau Nancy Reagan und Schauspieler Rock Hudson

Corbis/CNP/White House

Rock Hudson - bereits aidskrank - 1984 bei den Reagans im Weißen Haus

Sechs verlorene Jahre

Reagans Administration - 1982 direkt zum Thema befragt - zog das Ganze ins Lächerliche. Währenddessen hätten dem US-Zentrum für die Kontrolle und Verhütung von Epidemien weiter viel zu wenige Geldmittel zur Verfügung gestanden, um die Ausbreitung der Seuche in den USA effektiv einschränken zu können, so das Webmagazin Salon.com. Und es habe ein Generalplan für die Bekämpfung der Epidemie gefehlt.

Erst gegen Ende seiner zweiten Amtszeit - im Mai 1987 - fand Reagan bei der 3. Internationalen Aids-Konferenz in Washington erstmals offizielle Worte. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 36.058 US-Bürger mit Aids diagnostiziert worden, 20.849 am HIV-Virus und seinen Folgen gestorben. Die Seuche hatte sich bereits auf 113 Länder ausgebreitet und mehr als 50.000 Tote gefordert.

Elizabeth Taylor hatte Reagan zuvor in einem Brief geradezu angefleht und betont, Worte von ihm (Reagan, Anm.) würden „so sehr dabei" helfen, dass die Krankheit das ihr angeheftete archaische Stigma (Krankheit von Homosexuellen, Anm.) loswird und um den Menschen klarzumachen, dass es keine Krankheit einer Minderheit mehr ist. Es kann jedem passieren. Es ist niemandes Schuld und jedermanns Problem.“

Vom schlechten Scherz zum Staatsfeind

Es sollte noch 13 Jahre dauern, bis der damalige US-Präsident Bill Clinton Aids zum „Staatsfeind“ der USA erklärte. Die Epidemie könne Regierungen stürzen, Chaos in der Weltwirtschaft verursachen und ethnische Konflikte auslösen, begründete Clinton seine Entscheidung. Seine Regierung stellte reichlich Mittel für die Aids-Forschung und -prävention bereit. Doch in gewisser Weise war es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät: Die jahrelange bewusste Weigerung der US-Regierung unter Reagan, Aids und seine Gefahr für die Bevölkerung zu erkennen, hatte die globale Verbreitung der Epidemie entscheidend ermöglicht.

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