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TEPCO: Daten im Mai gesammelt

Im japanischen Katastrophen-AKW Fukushima I ist es höchstwahrscheinlich schon vor Wochen in zwei weiteren Reaktorblöcken zu Teilkernschmelzen gekommen. Wie die Betreiberfirma TEPCO vor einer Woche in Tokio mitteilte, gehe man davon aus, dass sich auch in den Reaktoren 2 und 3 die Brennstäbe teilweise verflüssigt haben.

Damit hätte es in drei der insgesamt sechs Reaktorblöcke von Fukushima I eine Kernschmelze gegeben. Das Kraftwerk war am 11. März durch ein schweres Beben und einen anschließenden Tsunami stark beschädigt worden. Das Kühlsystem fiel aus. Seither tritt Radioaktivität aus.

Schon 100 Stunden nach Erdstößen

Bisher war TEPCO davon ausgegangen, dass lediglich in Reaktor 1 die Brennstäbe größtenteils geschmolzen seien und sich die Masse nun auf dem Boden des Reaktordruckbehälters befinde. AKW-Experten hatten schon früher vermutet, dass es auch in den anderen Reaktorblöcken eine Teilkernschmelze gegeben habe.

Wie der Betreiber am Dienstag weiter mitteilte, dürfte in den Reaktoren 2 und 3 der größte Teil der Brennstäbe bereits 60 bis 100 Stunden nach dem Beben geschmolzen und auf den Boden der Druckbehälter gelaufen sein. Die Temperaturen an den Behältern deuteten aber darauf hin, dass es durch die Einleitung von Wasser gelungen sei, die Schmelzmasse zu kühlen und stabil zu halten, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo.

TEPCOs Salamitaktik

Gefragt, warum TEPCO das erst jetzt bekanntgebe, sagte ein Sprecher lediglich, man habe die Daten in dem defekten AKW schrittweise seit Anfang Mai erhoben und habe sie zuerst analysieren müssen, bevor man zu dem Ergebnis gekommen sei.

Koichi Nakano, ein Politologe an der Sophia-Universität in Tokio, vermutet dagegen eine Verzögerungstaktik: „Am Anfang der Krise versuchte TEPCO vermutlich, eine Panik zu vermeiden. Mittlerweile sind die Menschen an die Situation gewöhnt - nichts ist gelöst, doch der Alltag ist in Tokio wieder eingekehrt. Indem TEPCO die Kernschmelzen erst jetzt bestätigt, hofft der Konzern vermutlich darauf, dass diese Nachricht weniger Wellen schlägt. Das Wort ‚Kernschmelze‘ ist so stark, dass vermutlich zu einem früheren Zeitpunkt, als die Verunsicherung größer war, viel mehr Menschen aus Tokio geflüchtet wären.“

Gesamte AKW-Branche steht hinter TEPCO

Nakano rechnet damit, dass TEPCO versuchen wird, dem Tsunami die alleinige Schuld für die Katastrophe zu geben. Indem TEPCO den Tsunami und nicht die Erdstöße zum Auslöser für den GAU erklärt, könnte der Konzern versuchen, weitere unangenehme Fragen zu Versäumnissen und Fehlern des Konzerns selbst abzublocken. Die Schuldfrage sei „extrem politisch“, und hinter TEPCO stehe die gesamte - in Japan sehr mächtige - AKW-Branche.

„Welt an der Nase herumgeführt“

„TEPCO hat die Weltöffentlichkeit wochenlang an der Nase herumgeführt, um das wahre Ausmaß der Reaktorkatastrophe zu vertuschen und herunterzuspielen. Damit wurden bewusst mögliche Schäden für die japanische Bevölkerung in Kauf genommen“, reagierte Greenpeace empört. „Diese Vorgehensweise reiht sich nahtlos in eine lange Reihe von Lügen der Atomindustrie. Das hat auch in Europa System. Die Atomlobby vertuscht auch hier lieber Störfälle, anstatt die Menschen über die wahren Gefahren der Atomkraft zu informieren“, so der Atomsprecher von Greenpeace, Niklas Schinerl.

Greenpeace warnte angesichts der in Europa anstehenden AKW-„Stresstests“ davor, den AKW-Betreibern „blind zu vertrauen“, und forderte die Einbindung von unabhängigen Experten.

Regierung setzt Gremium ein

Unterdessen teilte Industrieminister Banri Kaieda mit, dass die Regierung ein unabhängiges Gremium zur Untersuchung der größten Atomkatastrophe seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl einberufen wird. Der zehnköpfigen Kommission, die noch bis Ende des Monats mit der Arbeit beginnen soll, würden neben Atomexperten auch Juristen angehören. Neben einer Untersuchung der Ursachen für das Fukushima-Desaster soll es auch um Möglichkeiten gehen, solche Katastrophen in Zukunft zu verhindern.

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