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Reaktoren außer Kontrolle?

In den teilweise zerstörten japanischen Reaktoren läuft nach Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) derzeit keine Kernschmelze ab. Das sagte der IAEA-Experte James Lyons bei der Pressekonferenz der UNO-Behörde am Montag.

Laut Yukiya Amano, dem Generalsekretär der IAEA, droht seinem Heimatland Japan kein „zweites Tschernobyl“. Ob die Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima außer Kontrolle sind oder nicht, wollte Amano allerdings nicht kommentieren.

Kernschmelze

Bei einer Kernschmelze überhitzen die Brennstäbe so sehr, dass sie sich verflüssigen und in eine unkontrollierbare radioaktive Schmelze verwandeln. Die Folgen sind schwer kalkulierbar: Ein Gemisch aus Spaltmaterial und Metall, das 2.000 Grad Celsius oder noch heißer wird, könnte sich durch die Schutzhülle des Reaktorkerns fressen und in die Umwelt gelangen.

„Die Situation ändert sich täglich. Ich will nicht spekulieren“, sagte Amano am Montag vor mehr als hundert internationalen Journalisten. „Wir haben keinerlei Angaben, dass dort momentan Brennstoff schmilzt“, sagte er. Zuvor hatte es vonseiten der japanischen Regierung geheißen, dass eine Kernschmelze in den drei Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima I drohe, wie Regierungssprecher Yukio Edano am Montag der Nachrichtenagentur Kyodo sagte. Im Reaktorblock 2 könnte die Kernschmelze bereits begonnen haben, sagte die Betreibergesellschaft TEPCO.

Sorge über Kühlungsprobleme

Nach Informationen der IAEA sind die Sicherheitsbehälter in allen Reaktoren intakt. Die Abgabe von Radioaktivität an die Umwelt sei begrenzt. Ob Japan aus seiner Sicht die Situation in den Atomkraftwerken unter Kontrolle hat, wollte Amano jedoch nicht klar beantworten: „Ich bin mir sehr sicher, dass die japanischen Behörden alles tun, um die Sicherheit der Reaktoren wiederherzustellen.“ Alles, was man bisher gesehen habe, habe gezeigt, dass Japan den Druck in seinen Reaktoren kontrollieren könne, sagte IAEA-Experte Lyons.

Sorge bereiten der IAEA die Probleme bei der Kühlung der Reaktoren. „Wir beobachten das und hoffen, dass sie die Stabilität so schnell wie möglich wieder erlangen“, sagte Amano. Es sei „sehr unwahrscheinlich“, dass sich die Situation in Japan zu einem Unfall wie in Tschernobyl entwickle.

Grafische Darstellung der Reaktoren des AKW Fukushima I bei Normalbetrieb bzw. als Worst-Case-Szenario

APA/Walter Longauer

Die Unfälle in Japans Atomkraftwerken müssen aus Amanos nicht das Ende des weltweiten Wachstums der Nuklearbranche bedeuten. „Dieser Unfall aufgrund gewaltiger Kräfte der Natur ändert nichts an dem Fakt, dass wir eine stabile Energiequelle brauchen und etwas gegen den Klimawandel tun müssen“, so Amano.

Hilfe von IAEA und USA erbeten

Amano verwies mehrmals auf hoch qualifizierte Experten, die an Ort und Stelle alles Mögliche unternehmen würden, um die Lage zu stabilisieren. Fest stehe jedenfalls, dass es keine Kettenreaktion in den Reaktoren gegeben habe. Zu konkreten Zeitabläufen wollte Amano allerdings keine Stellung nehmen. Bis dato stehe noch nicht fest, wann die von Japan angeforderten Experten der IAEO anreisen werden und wo sie anschließend tätig sein sollen. „Wir werden die Details dazu in den kommenden Tagen besprechen.“

Japan bat auch die USA um Hilfe bei der Kühlung. Die zuständigen Stellen in den USA prüften derzeit, welche technischen Hilfsleistungen für Japan infrage kämen, teilte die US-Atombehörde NRC am Montag in Washington mit. NRC-Experten würden die Entwicklung von ihrem Krisenzentrum in den USA rund um die Uhr verfolgen.

Keine Angaben über Radioaktivität

Wie viel Radioaktivität bis jetzt freigesetzt wurde, konnte Amano nicht sagen. „Ich bitte diesbezüglich um Geduld.“ Das automatische Herunterfahren der Reaktoren habe funktioniert, die ausgetretene Radioaktivität sei dadurch limitiert worden.

Ein „zweites Tschernobyl“ befürchte Amano nicht. Es gebe einige Unterschiede zum Super-GAU am 26. April 1986 - vor allem jenen, dass es in Tschernobyl keine Schutzhülle gegeben hätte wie sie in Fukushima vorhanden sei. Messungen in der Umgebung von Fukushima am 12. März hätten ergeben, dass die Radioaktivität in der Luft mittlerweile wieder gefallen sei. Andere Informationen als jene von japanischen Behörden habe die IAEO aber keine.

Frankreich: Stufe von Tschernobyl möglich

Die französische Atomaufsicht schätzt die Atomkatastrophe in Japan auf Störfallstufe sechs von sieben ein. „Es ist ein höheres Niveau als Three Mile Island, aber noch nicht so schlimm wie Tschernobyl“, sagte Andre-Claude Lacoste von der Behörde für Atomsicherheit am Montag in Paris. Es sei indes möglich, dass die Stufe von Tschernobyl erreicht werde, fügte er hinzu. Bei dem Vorfall im US-Kraftwerk Three Mile Island war es 1979 zu einer Kernschmelze gekommen. Der Vorfall wurde auf internationalen INES-Skala auf der Stufe 5 von 7 eingeordnet. Der Reaktorbrand im ukrainischen Tschernobyl sieben Jahre später wurde der höchsten Stufe 7 zugeordnet. Die IAEA hatte den Unfall in Fukushima bisher auf Stufe 4 eingeordnet.

Sollte die Hülle eines Reaktors bersten, könnte laut Experten ein Super-GAU mit massiver Freisetzung radioaktiver Strahlung drohen. Besonders gefährlich ist die Lage, weil die Reaktoren direkt nebeneinander stehen und die Explosion eines Reaktors auch die anderen treffen könnte.

Mehrere Arbeiter verstrahlt

Nach der Explosion des Reaktors 3 im AKW Fukushima I werden langsam die ganzen Schäden bekannt. Laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo dürften dabei fünf Arbeiter verstrahlt worden sein. Besondere Sorgen bereitet den Betreibern derzeit auch Reaktor 2. Dort liegen nach missglückten Kühlversuchen die Brennstäbe erneut komplett frei.

Um 3.00 Uhr (MEZ) wurde nach Reaktor 1 auch Reaktor 3 von einer schweren Explosion erschüttert. Elf Arbeiter sollen dabei verletzt worden sein, fünf davon mussten wegen Strahlenbelastung im Krankenhaus behandelt werden. Für Experten ist das ein mögliches Zeichen dafür, dass der Stahlmantel um die Brennelemente nicht wie von der Regierung behauptet intakt geblieben ist.

„Keine Möglichkeit zur Beeinflussung“

Die Tatsache, dass Mitarbeiter der Kernkraftwerke wegen Strahlung bereits in Krankenhäusern behandelt werden, lasse Schlimmstes ahnen, sagte der ehemalige Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Deutschland, Lothar Hahn, am Montag in Berlin.

Und auch der ehemalige Leiter für Reaktorsicherheit im deutschen Umweltministerium, Wolfgang Renneberg, hat die Befürchtung, dass es bereits zu einem Leck gekommen sein könnte. „Es bestehen ganz große Risiken, dass auch die Sicherheitshüllen (um die Brennstäbe) beschädigt werden.“ Dann würde das „ganze Inventar“ freiliegen. Dieses hochradioaktive Material sei größer als in Tschernobyl, wobei dort noch Feuer dazugekommen sei. Das sei in Fukushima nicht zu erwarten.

Brennstäbe liegen wieder völlig frei

Nach Experteneinschätzung sei der AKW-Betreiber Tokyo Electric Power (TEPCO) mittlerweile gezwungen, die Reaktoren in Fukushima I mehr oder weniger sich selbst zu überlassen. „Es bestehen aus technischer Sicht kaum Möglichkeiten, den Unfallablauf noch irgendwie zu beeinflussen“, sagte Renneberg.

Auch in Reaktor 2 spitzt sich die Lage zu. Im Laufe des Montags schlugen mehrere Versuche fehl, die Brennstäbe mit Meerwasser zu kühlen. Am Nachmittag teilte die Nachrichtenagentur mit, dass die Brennelemente wieder zur Gänze freiliegen. Am Abend versuchte TEPCO erneut Meerwasser zur Kühlung in den Reaktor 2 zu pumpen.

Probleme auch in weiteren AKWs

Neben dem AKW Fukushima I gibt es auch Probleme in den AKWs Fukushima II, Onagawa und Tokai, wobei die Lage in Tokai mittlerweile unter Kontrolle sein dürfte. Der Betreiber des Atomkraftwerks, Japan Atomic Power, teilte mit, der Reaktor werde bis Dienstagfrüh sicher heruntergekühlt werden können. In Fukushima II, das nach dem Beben erfolgreich heruntergefahren, jedoch dann von dem Tsunami schwer getroffen worden war, werden die Brennstäbe in drei Reaktoren mit Meerwasser gekühlt. Auch aus Onagawa wurde mittlerweile Entwarnung gegeben. Die gemessenen höheren Strahlenwerte dürften nicht von dem AKW stammen, sondern von Fukushima I.

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