Themenüberblick
Wenn die Musik aus ist
Knechts Ulrich heißt John Gruber (von seiner Mama einst „Johannes“ getauft), fährt Porsche und ist auch sonst das Gegenteil von einem Bobo. Er ist, wie mehr als einmal im Roman im Werbedeutsch erinnert wird, ein „Mover und Shaker“, sprich, es wohnt ihm eine Bobo-Eigenschaft gewiss nicht inne: der performative Selbsthass, also jene Lebensform, die das Objekt des Hasses durch permanente Selbsterprobung und Wiederholung im Alltag andauernd mit konstituiert.
Slimaner iPod-Dandy
Gruber ist ein Mann, der Frauen liebt, wobei Lieben in dem Fall nur eine zarte Umschreibung einer vorwiegend körperlich exerzierten Tätigkeit ist. Gruber ist in dieser Hinsicht so aktiv, dass seine Beobachtungen eine wahre Alltagssoziologie unter der Gürtellinie ergeben können. Der durchtrainierte iPod-Dandy führt seine Hedi-Slimane-Anzüge durch die Welt und erwartet entsprechende Gegenüber - wobei sich Knecht dabei mit Vorliebe den Gegenstandsbereich der (weiblichen) Intimrasur als offenbar typisch männliches Beobachtungsgebiet vorknöpft.
www.pertramer.atDoris KnechtGenaueres über Grubers Brotberuf weiß man nicht. Gruber wird wohl ein halbwegs wichtiger Mann sein. Sein Leben spielt sich an unterschiedlichen internationalen Orten in vielen Sitzungen und Hotels ab (und Hotelnächte in so lauen Städten wie Zürich, dieser „Zwingli-Gegend“, müssen mit halbwegs Lust- und Libidovollem gefüllt werden). Doch dann passiert Unvorhergesehenes. Gruber lernt eine Frau kennen, bei der sich schon der erste Kontakt anders anfühlt als sonst. Und plötzlich schleicht sich etwas ein, das so gar kein Mover-und-Shaker-Ding ist: einen Menschen zu vermissen. Und es wird diese Frau sein, die mit ihm am „Morgen danach“ einen unangenehmen Brief aufreißt.
Getrost romantisch
Gruber hat eine Krebsdiagnose. Und das droht sein Leben sehr zu ändern. Doch nicht so sehr wie die Botschaft, die ihm die Frau seiner Sehnsucht noch servieren wird. „Gruber geht“ stellt sich einer Pointe, die man getrost und eigentlich im historischen Sinn als romantisch bezeichnen kann.
Jedes Arschloch kann sich ändern. Und auch Gruber ist nicht ganz änderungsresistent, auch wenn die Richtungsänderung seines Lebens ganz schön unerwartet über den Sushi-Tisch rumpelt: „Gruber weicht ihrem Blick aus. Isst ein Maki und noch ein Maki. Das ist ihm jetzt. Das ist irgendwie too much jetzt. Das geht ihm irgendwie zu schnell. Und zu weit. Gruber mag das nicht, wenn andere weiter denken als er, sich schon alles ausgedacht und vorausgedacht haben, speziell nicht, wenn er darin vorkommt.“
Status quo vadis
Ob Doris Knecht einen optimistischen Roman geschrieben hat, werden wohl viele Leserinnen und Leser unterschiedlich deuten. Die Stärken des Buches sind seine konsequente perspektivische Bauart, seine mitunter am Atemlosen orientierte erzählerische Taktung - und die Art, wie es beobachtet. Es fokussiert so detailliert, dass es manchmal wehtut.
RowolthBuchhinweis
Doris Knecht: Gruber geht. Rowohlt, 240 Seiten, 16,95 Euro. Ab 11.3. im Buchhandel erhältlich.
Doris Knecht stellt ihren Roman am 23. März um 20.00 Uhr im Wiener Rabenhof Theater gemeinsam mit Peter Hörmanseder, Manuel Rubey und Christoph Grissemann vor.
Da verweist so manch Entdecktes brutal auf die Leser/-innensituation zurück, auf eine Kultur, die Formen der Selbstwahrnehmung über Facebook-Statusmeldungen abzusichern gelernt hat - und das Ausbleiben von „Likes“ und „Comments“ als Irritation wahrnimmt: „Fünf seiner Freunde haben ihr Profil-Bild geändert. Er hat acht neue Freundschaftsanträge, sechs von den Leuten sind ihm unbekannt. Er lehnt alle Männer ab und akzeptiert alle Frauen, man nimmt, was man bekommen kann in diesen mageren Zeiten.“
Der Satz als Sirup
(Selbst-)Beobachtung und Handlungsablauf fließen bei Knecht auf der Satzebene ineinander und bilden ein eigenwilliges Textgeflecht. Nie will dieser Text anhalten, dauernd schiebt sich alles ineinander und jeder Satz über den Punkt hinaus. Wiederholungen und Kalauer sind unausweichlich, und mitunter hat jeder Satz gleich seinen eigenen Refrain eingebaut. Dieses Buch lädt zu Beginn zu einer sehr flotten Lektüre ein. Man scheint förmlich gedrängt zu werden zu dem Satz, den der Titel des Werks verspricht. Und doch haut man sich beim Lesen an ganz schön vielen Kanten an. Manchmal beginnt der Soundtrack erst, wenn die Musik aus ist.
Gerald Heidegger, ORF.at
Links:
- Gruber geht (Rowohlt)
- Leseprobe (PDF, Rowohlt)
Publiziert am 11.03.2011