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„Goldröcke“ mit Mehrfachmandaten

Europaweit wird derzeit die Einführung einer Frauenquote für die Chefetagen von Unternehmen diskutiert. Neben Österreich und Großbritannien schlägt das Thema vor allem in Deutschland große Wellen. Einige Politiker und Frauenorganisationen fordern die Quote um jeden Preis, die Wirtschaft will sich die nicht vorschreiben lassen. Norwegen führte diese Diskussion schon vor rund acht Jahren.

Unter den Skeptikern befürchten einige, dass das Leistungsprinzip durch Quoten außer Kraft gesetzt würde und Menschen in Positionen kämen, „denen sie nicht gewachsen sind“, wie etwa Opel-Entwicklungschefin Rita Forst meinte. Statt einer Quote brauche es bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Befürworter glauben wiederum, dass verbindliche Regeln nötig seien, um Lippenbekenntnisse der Wirtschaft zu vermeiden und den Anteil der Frauen in den Führungsetagen tatsächlich zu steigern.

Norwegischer Verwaltungsrat

Am ehesten entspricht der norwegische Verwaltungsrat dem österreichischen Aufsichtsrat. Allerdings ist in Norwegen die Geschäftsführung weniger unabhängig vom Verwaltungsrat.

Die Blicke richten sich daher auch auf die Erfahrungen Norwegens, das eine lange Tradition in Gleichberechtigungsfragen aufweist und gegen großen Widerstand schon 2003 eine Quote festlegte. Seit 2006 müssen 40 Prozent der Verwaltungsratsmandate von börsennotierten Unternehmen mit Frauen besetzt werden. Erfüllt ein Unternehmen die Quote nicht, drohen strenge Strafen von Geldbußen bis zur Auflösung des Unternehmens. Bisher wurde das aber nicht exekutiert.

Umwandlung in GmbH gegen Quotenzwang?

Dafür zeigte sich, dass zwischen 2007 und 2008 mehr Firmen sich von einer Aktiengesellschaft in eine GmbH umwandelten, für die keine Frauenquoten vorgesehen sind. Untersuchungen ergaben aber, dass das nicht nur mit der gesetzlichen Frauenquote, sondern auch mit einer Änderung am Wertpapiergesetz zusammenhing, das Finanzunternehmen nicht mehr die Rechtsform einer Aktiengesellschaft vorschreibt.

„Weder Befürchtungen noch Hoffnungen erfüllt“

Ziel der norwegischen Maßnahmen war, mehr Frauen an die Spitze zu bringen und nicht genütztes Potenzial für die Unternehmen einzusetzen. Nach rund fünf Jahren zogen Wissenschaftler nun ein erstes Fazit. „Weder die schlimmsten Befürchtungen der Gegner noch die größten Hoffnungen der Befürworter haben sich erfüllt“, analysierte Marit Hoel, Direktorin des Osloer Zentrums für unternehmerische Vielfalt (Center for Corporate Diversity, CCD), gegenüber dem „Spiegel“.

In der ersten Phase nach der Umstellung gab es einen Einbruch bei der Leistung des Unternehmens, zeigt auch eine Studie der Universität Michigan. Die Unternehmen hätten sich davon aber bald wieder erholt, betonte Hoel. „Konzerne, die schlechter dastanden, haben hingegen von den Frauen profitiert.“ Der befürchtete Qualitätsverlust sei nicht eingetreten.

Chefetage bleibt männlich

Die gesetzlichen Anforderungen für die Aufsichtsräte wurden erfüllt. Betrug der Frauenanteil im Jahr 2006 19 Prozent, waren es 2008 bereits 40 Prozent. Auf die Zahl der Frauen in der oberen Chefetage wirkte sich das Gesetz allerdings nicht aus. Der Frauenanteil an Firmenchefs stagniert laut dem Unternehmerverband NHO bei rund 16 Prozent. Das Ziel, mehr Frauen in das Topmanagement zu bringen, wurde nicht erreicht.

Angst vor zu wenigen qualifizierten Frauen

Die Sorge, dass es zu wenige qualifizierte Frauen gebe, um die geforderten Auflagen zu erfüllen, gab es auch in Norwegen. Ein Unternehmer provozierte sogar damit, dass Firmen „Eskort-Mädchen“ rekrutieren müssten, um die gesetzlichen Vorgaben zu erreichen. Für die Präsidentin des Verbands deutscher Unternehmen, Petra Ledendecker, zählt das in der aktuellen Diskussion nicht: „Es ist mitnichten so, dass der Großteil der Frauen kein Interesse an Topführungspositionen hat.“

Das Beispiel Norwegens zeigt, dass ein möglicher Mangel an für einen Aufsichtsratsposten geeigneten Frauen nicht ganz von der Hand zu weisen ist - zumindest in der ersten Umstellungsphase. Laut dem CCD halten 70 Frauen mehr als 300 Aufsichtsratssitze, berichtete die „New York Times“. Sie werden als „Goldröcke“ bezeichnet und auch für die Mehrfachmandate kritisiert.

„Nur vorübergehendes Phänomen“

Für Catherine Seierstad, Ökonomin an der Queen-Mary-Universität in London, ist das aber nur ein vorübergehendes Phänomen. Das werde sich ändern, wenn mehr Frauen Karriere machen. „Am Anfang war es einfach schwer, schnell geeignete Kandidatinnen zu finden“, sagte sie gegenüber dem „Spiegel“.

Deutlich zeigte sich in Norwegen, dass jüngere, besser ausgebildete Frauen ältere Männer in den Aufsichtsgremien ersetzten. Befürworter begrüßen den frischen Zugang. Kritiker bemängeln die fehlende Qualifikation dieser Neueinsteigerinnen und das Risiko, diese Erfahrung zugunsten von sozialer Gerechtigkeit zu opfern.

Wirtschaft skeptisch

Die Wirtschaft hält von vorgeschriebenen Frauenquoten wenig. Die wenigsten wollen sich vorschreiben lassen, wie viele Frauen in Führungspositionen sitzen müssen. „Im Einzelfall müssen immer Qualifikation sowie Erfahrung und Talent entscheiden“, sagte Bayer-Vorstandschef Marijn Dekkers. Dennoch will er sich mit dem Pharmaunternehmen verpflichten, dass sich der Anteil der Frauen im oberen Konzernmanagement ab 2015 „in Richtung 30 Prozent entwickeln“ soll. Von gesetzlichen Vorgaben hält er wenig.

Auch die Präsidentin des norwegischen Unternehmerverbands und Managerin bei einem Telefonkonzern, Kristin Skogen Lund, war eigentlich gegen die Einführung der Frauenquote in Norwegen. Ihr Fazit fällt nüchtern aus: Es habe die wenigsten Firmen belastet, aber auch nicht wirklich genützt. Als Grund sieht sie vor allem die Karenzzeit: „Frauen stecken in ihrer Karriere zurück und schaffen den ganz großen Aufstieg nicht.“ Die Frauen überzeugen und ihnen das Selbstvertrauen geben, Verantwortung in der Firma zu übernehmen, könne man nicht mit einer Quote machen.

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