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Die Lesbarkeit der digitalen Welt

Das alte, analoge Buch wird neben dem E-Book bestehen: Für einen unverkrampften Blick auf die Zukunft des Buches plädierte der US-Historiker Robert Darnton am Donnerstagabend zum Auftakt einer Konferenz zur Geschichte des Buches in Wien. Für Darnton sind die Möglichkeiten des digitalen Buchtextes lange noch nicht ausgeschöpft. Dieser werde von einer ganz anderen Bauart sein als der lineare Text des gedruckten Buches.

Wer das digitale Zeitalter samt seiner scheinbar unerschöpflichen Kombinatorik und den vielen offenen rechtlichen Eigentumsrechtsfragen als unübersichtlich ansieht, dem empfiehlt Historiker Robert Darnton einen Blick zurück ins 18. Jahrhundert.

Zum Auftakt des internationalen Forscherkongresses „Der literarische Transfer zwischen Großbritannien, Frankreich und dem deutschsprachigen Raum im Zeitalter der Weltliteratur“ des Instituts für Vergleichende Literaturwissenschaft der Uni Wien und der Österreichischen Gesellschaft für Buchforschung nahm Darnton seine Zuhörer mit auf eine abenteuerliche Zeitreise ins 18. Jahrhundert.

Robert Darnton bei seinem Vortrag an der Universität Wien am 13.01.2011

ORF.at/Günter Hack

Robert Darnton und die Zeitreise zu einem Buchmarkt, auf dem Schmuggler das Geschehen bestimmten

Der Buchmarkt und die Öffnung der Gesellschaft

In Frankreich, im Zeitalter, da Pamphletisten an einer Öffnung der Gesellschaft mitarbeiteten, war die Situation des Buches deutlich prekärer als in der Gegenwart. Lesen, vor allem die Vermittlung des physischen Lesestoffes, war mit erheblichen Risken verbunden. Und wer an freie, also unzensierte Gedanken etwa der „grande philosophes“ herankommen wollte, der musste bereit sein, für die Druckerzeugnisse mehr zu zahlen als für Bücher, die dem Hofe genehm waren.

Robert Darnton

Der US-Kulturhistoriker Robert Darnton gilt als weltweit vielleicht bekanntester Forscher zur Buchgeschichte: „Literaten im Untergrund“, in dem das teils abenteuerliche Entstehen des französischen Buchmarktes und die Umgehungshandlungen der Zensur wie in einem Krimi beschrieben werden, ist ein Bestseller der Fachliteratur. Zuletzt setzte sich Darnton in einer Serie von Essays, zusammengefasst im Band „The Case of Books“, für das Zusammendenken der Eigenschaften analoger und digitaler Bücher ein

Geschmuggelte Werke

Bereits in seinem Buchklassiker „Literaten im Untergrund“ über das Publizieren im vorrevolutionären Frankreich hatte Darnton gezeigt, wie der französische Buchmarkt etwa über die Societe Typographique im schweizerischen Neuchatel versorgt wurde. Bücher wurden über die Berge geschmuggelt. Im Winter waren Druckerzeugnisse teurer als im Sommer, wenn Träger sich nicht durch den meterhohen Schnee kämpfen mussten.

Und es bedurfte dickköpfiger wie geschäftstüchtiger Literaturagenten, die die gedruckten Waren (denn nicht immer waren das schon physische Bücher, wie wir sie heute kennen) an Buchhändler und das Lesepublikum brachten. Selbst ernannte „Versicherer“ wollten mit dazu beitragen, dass Druckerzeugnisse von Ort A zu Ort B kamen. Und mitunter wurde ein „verbotener“ Text zusammen mit erlaubten Texten als scheinbar harmloses Werk zwischen die Buchdeckel gepresst.

Erweiterte Möglichkeiten für die Forscher

Als er vor dreißig Jahren begonnen habe, die Archive in Neuchatel, Lyon oder Genf zu durchforsten, da sei er vor Mengen an Material gestanden, die er nie in einem linear gedruckten Buch aufarbeiten hätte können. Also habe er sich zur Reduktion entscheiden müssen, so Darnton. In der heutigen Situation und den Möglichkeiten des digitalen Publizierens würde er seine Forschungsarbeit auf mehreren Ebenen anlegen.

Robert Darnton Case for Books Cover

ORF.at

Buchhinweis

Robert Darntons Überlegungen und Aufsätze zur digitalen Zukunft des Buches erschienen im Vorjahr bei Public Affairs als Aufsatzsammlung. 256 Seiten, ca. zwölf Euro.

Er könnte einen zusammenfassenden Überblickstext schaffen, mit der Eignung, auch zum gedruckten Buch zu werden. Für die digitale Version schwebt ihm eine konzeptionelle Anordnung des Zusatzmaterials in der Form einer „Pyramide“ vor. So könne, wer sich etwa in der Druckversion für das Kapitel „Buchschmuggel“ interessiere, in der digitalen Version Biografien von bekannten Bücherschmugglern der Zeit ansehen. Wer dann noch eine Ebene „tiefer“ in die Materie tauchen wolle, könne die rekonstruierte Korrespondenz zwischen den Handelnden nachlesen: entweder in einer Aufbereitung oder, auf der untersten Ebene, in den Rohversionen.

Er sei ein Anhänger von Wikipedia, bekennt Darnton in der Diskussion, und des kollaborativen Wissens: Das, was er rund um sein Buch ins Netz stelle, sollten andere Wissenschaftler weiter kommentieren können. Das sei der Traum der Aufklärung, von einer „Republik des Wissens“. Angst, dass das klassische Buch aussterben werde, habe er nicht. „Ich wurde über die Jahre hinweg zu so vielen Konferenz über den Tod des Buches eingeladen - und siehe da, es lebt noch immer und in einer größeren Dichte an Veröffentlichungen denn je“, so der Forscher. Ein neues Medium löscht nicht ein anderes aus, so Darnton mit Verweis auf Marshall McLuhan und die Erkenntnis, dass neue Medien gerade den Blick auf die spezifischen Eigenschaften eines alten Mediums schärften.

Robert Darnton bei seinem Vortrag an der Universität Wien am 13.01.2011

ORF.at/Günter Hack

„‚Old Books‘ und E-Books sind Verbündete.“

Globales Wissensarchiv

Für Darnton besteht die Herausforderung des digitalen Zeitalters nicht nur in einer konzeptionellen Neufassung des Buches. Für ihn ist gerade die Neuorientierung wissenschaftlicher Bibliotheken eine der zentralen Herausforderungen der Zukunft. Darntons Forschertraum, wie er jüngst in einem langen Beitrag für das „New York Review of Books“ skizzierte, richtet sich dabei auf eine globale digitale Bibliothek.

Veranstaltungshinweis

Das Symposion „Der literarische Transfer zwischen Großbritannien, Frankreich und dem deutschsprachigen Raum im Zeitalter der Weltliteratur (1770-1850)“ findet am 14. und 15. Jänner in der Wienbibliothek im Rathaus (Bartensteingasse 9, 1010 Wien) statt.

Für ihn darf diese Aufgabe nicht Google überlassen werden. Der Historiker verweist dabei etwa auf das Beispiel Frankreichs oder der Niederlande, wo es als staatliche Aufgabe angesehen werde, die gemeinsamen Wissensbestände eines Landes zu digitalisieren und öffentlich frei verfügbar zu machen. Bibliotheken sollten laut Darnton auch mit anderen Bibliotheken kooperieren und Mittel für die Veröffentlichung digital frei zugänglicher Forschungsartikel vergeben.

Ein Wikimedia der Bibliotheken

Darnton kritisierte in diesem Zusammenhang die immer teurer werdenden Abos für wissenschaftliche Fachorgane, die den Handlungsspielraum von Bibliotheken einschränkten. Bibliotheken müssten für ihn mit gegenseitigen Kooperationen und der Bereitstellung eines Teils ihrer Mittel für freies digitales Publizieren auch für eine Trendwende auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt sorgen. Erneut sind hier die Energien, die im 18. Jahrhundert frei wurden, Vorbild: Möglichst viele Menschen sollen ungeachtet der Hürden am veröffentlichten Wissen teilhaben können.

Im Bereich der Bibliotheken schwebt Darnton ein Verbund nach dem zuletzt in Harvard praktizierten Modell vor, wie er in Wien erläuterte. Je mehr Universitätsbibliotheken an eigener Forschung in Artikelform frei zugänglich machten und je mehr Bibliotheken sich untereinander vernetzten, desto eher könnte es eine Art Wikimedia von Universitätstexten geben: „Vielleicht klinge ich jetzt naiv optimistisch, aber ich glaube, dass die Zukunft des Wissens in der Vernetzung, vor allem aber in dessen freier Verfügbarkeit unter Beteiligung möglichst vieler liegt“.

Gerald Heidegger, ORF.at

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