Themenüberblick
Traditionelles fürs Tablet
30 Millionen US-Dollar (22,4 Mio. Euro) Anschubfinanzierung lässt sich Rupert Murdoch das iPad-Experiment kosten, noch vor Weihnachten soll die erste Betaversion des neuen Produkts von der hundertköpfigen Redaktion erstellt werden, die in New York City ansässig ist.
Bei einem Jahresumsatz von zuletzt rund 33 Milliarden US-Dollar und einem operativen Gewinn von 1,15 Milliarden Dollar allein im abgelaufenen Quartal kann es sich Murdoch leisten, neue Vertriebsformen für digitale Inhalte auszuprobieren. Auch sein Printgeschäft ist im Plus, hier wuchs der Gewinn im Jahresvergleich um 60 Millionen auf 178 Millionen Dollar im vergangenen Quartal, bei einem Werbeumsatzplus von durchschnittlich 13 Prozent.
„The Other“
Nur ein Bereich in Rupert Murdochs Imperium schreibt rote Zahlen, nämlich die digitalen Unternehmungen, im Geschäftsbericht neben den TV-, Film- und Verlagsaktivitäten bezeichnenderweise unter „Other“ vermerkt, darunter das Soziale Netzwerk MySpace, das Murdoch 2005 für 580 Millionen Dollar gekauft hat und das seither gegenüber dem Erzkonkurrenten Facebook beständig an Boden verloren hat.
Auch im digitalen Zeitungsgeschäft hat Murdoch in jüngerer Zeit keine besonders sichere Hand bewiesen. Als er im August 2007 Dow Jones übernahm, die Muttergesellschaft des „Wall Street Journals“, hatte Murdoch zunächst angekündigt, die Inhalte des Traditionsblatts frei im Netz verfügbar zu machen - ein Versprechen, das nie eingehalten wurde.
Geschlossene Gesellschaft
In sehr kurzer Zeit wandelte sich Murdoch zum Freund geschlossener Angebote, sein Londoner Renommierblatt „Times“ verschwand im Sommer komplett hinter einer „Paywall“. Der renommierte US-Medienexperte Clay Shirky rechnete unlängst vor, dass die Webleserschaft der „Times“ damit von rund sechs Millionen auf maximal 150.000 zahlende Kunden eingebrochen ist - Abonnenten der Printauflage inklusive. Ohne die Abonnenten blieben gar nur 50.000 zahlende Kunden übrig, so Shirky. Belastbare Zahlen veröffentlicht der Verlag nicht, aber die „Times“ ist im Web kein Massenmedium mehr, sondern, wie Shirky es formuliert, „der Online-Newsletter der britischen Konservativen“.
Seit dem Start von Apples Tablet-Rechner iPad gilt Murdochs Interesse ganz dem Geschäft mit Zeitungsapps. Steve Jobs’ geschlossenes Verkaufssystem wirkt auf traditionelle Verleger wie ein Onlinezeitungsstand, hier kann man noch Abos und einzelne Ausgaben verkaufen, die Denkmodelle des Zeitungsgeschäfts sind hier noch intakt.
Traditionelle Arbeitsweise
Das gilt auch für die Produktionsweise. Die Murdoch-Journalisten arbeiten, wie gewohnt, bis zum Redaktionsschluss, dann wird die digitale Ausgabe für den nächsten Tag erstellt. Ein Wochenabo des auch an Samstag und Sonntag erscheinenden Produkts soll 99 US-Cent kosten, ein Monatsabo 4,25 Dollar. Laut „New York Times“ sei derzeit noch in der Diskussion, ob es für das virtuelle Blatt mehrmals täglich Updates geben solle, die Geschwindigkeit einer modernen Nachrichtenwebsite solle jedoch keinesfalls erreicht werden. Man müsse sich angesichts dieser Vorgehensweise fragen, ob die Leser alte Gewohnheiten in ein neues Medium übertragen würden.
„The Daily“ soll nicht nur auf dem iPad erscheinen, Apple ist auch nicht der einzige Anbieter eines Smartphone-Zeitungsshops, denn auch der südkoreanische Multi Samsung ist mit dem Start seines Android-Tablets Galaxy Tab in dieses Geschäft eingestiegen und bietet dafür bereits digitale Ausgaben von 1.600 Zeitungen in 47 Sprachen an.
Die App als Insel
Die „New York Times“ zitierte Murdoch mit der Vorhersage, dass „The Daily“ im Lauf der kommenden fünf Jahre rund eine halbe Million Abonnenten für sich gewinnen werde. Das sei aber „irrsinnig optimistisch“. Das New Yorker Blog „Gawker“ sieht Murdochs Idee „zum Scheitern verdammt“, sogar das Hightech-Zentralorgan „Wired“ verkaufe derzeit von einer App-Ausgabe gerade einmal 30.000 Lizenzen. Außerdem müsse eingerechnet werden, dass Apple vom Umsatz noch 30 Prozent einstreiche. Bei vermutlichen jährlichen Betriebskosten von über sieben Millionen US-Dollar für die Redaktion werde es lange dauern, bis das Projekt schwarze Zahlen schreibe.
Das größte Problem bestehe aber genau darin, wo Murdoch und zahlreiche andere Zeitungsverleger die Chance sehen: In der Geschlossenheit des App-Modells. Nachrichten sind im Web keine toten Texte mehr, sondern Informationsobjekte, die verlinkt, aktiv im Sozialen Netz debattiert und mit dynamischen Daten aus offenen Schnittstellen aktualisiert werden können.
Der Browser als „Killer App“
Das schweizerisch-japanische Designteam Information Architects bezeichnet deshalb den Webbrowser als die wahre „Killer App“ des iPads, bei der Optimierung der Website der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ habe man auf den offenen Standard HTML5 gesetzt. Damit habe der Nutzer weder mit umfangreichen Downloads noch mit seltsamen Softwareproblemen zu kämpfen.
„Zeit Online“-Chef Wolfgang Blau setzt laut Statements auf der Website von Information Architects auf eine Verschränkung aus offenem Web und Bezahlinhalten im App Store, und hofft, dass sich beide Komponenten mittelfristig positiv verstärken werden.
Verfolgung in die Nischen
Die Nischen, in welche die Nachrichtenbranche ihren Lesern folgen muss, werden mit den verschiedenen Tablet-Systemen jedenfalls zahlreicher und enger. Nur die mächtigsten Medienkonzerne wie Murdochs News Corporation werden in der Lage sein, sie alle abzudecken und dabei noch Gewinn zu machen.
Auch wenn die Erstellung von News-Apps relativ simpel und billig sein kann, so hat doch gerade Apple gezeigt, dass sehr viel Liebe zum gestalterischen Detail notwendig ist, um im heutigen Medienmarkt Erfolg zu haben. Einfach umgewandelte PDFs der gedruckten Zeitungsausgabe werden daher ebenso wenig nachhaltig Leser binden können wie merkwürdig aufgedonnerte Multimediashows, die letztlich doch nur an die gescheiterten Didaktik-CD-ROMs der frühen 1990er Jahre erinnern.
Günter Hack, ORF.at
Links:
- News Corporation
- Die „New York Times“ über „The Daily“
- Analyse im „Gawker“
- Clay Shirkys Analyse der „Times“-Paywall
- Information Architects über die „Zeit“ auf dem iPad
Publiziert am 07.02.2011