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„Ernstzunehmendes Umweltproblem“

Die Europäische Union zeigt sich am Mittwoch besorgt, dass der giftige rote Schlamm, der am Montag aus einem Sammelbecken eines ungarischen Aluminiumwerks ausgetreten ist, auch in anderen EU-Ländern zu einer ökologischen Katastrophe führen könnte. Umweltorganisationen warnen vor weiteren ökologischen Zeitbomben.

EU-Kommissionssprecher Joe Hennon versicherte, die EU sei jederzeit bereit, Hilfe anzubieten, sollte sich die Katastrophe weiter ausbreiten oder die ungarische Regierung um Hilfe bitten. Sorgen bereitet den EU-Verantwortlichen die Nähe der Chemie-Katastrophe zu einem der größten Flüsse Europas, der Donau. Von Ungarn fließt sie über Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, und die Ukraine bis nach Moldau, bevor sie im schwarzen Meer mündet.

Grafik von der Giftschlamm-Katastrophe in UngarnAPA/M. Hirsch/mhÜber die Flüsse Marcal und Raab könnte der Schlamm bis in die Donau gelangen.

„Das ist ein ernstzunehmendes Umweltproblem“, erklärte Hennon gegenüber der Nachrichtenagentur AP. „Wir sind nicht nur über die Situation in Ungarn besorgt, sondern auch darüber, was die Katastrophe jenseits der Grenzen anrichten kann.“

Schlamm am Wochenende in der Donau

Der Fluss Marcal, der direkt durch die betroffenen Dörfer fließt, ist bereits „ökologisch tot“, wie die Umweltorganisation WWF in einer Aussendung schreibt. Mit Tonnen von Gips wurde versucht, den toxischen Schlamm zu binden - bisher erfolglos. Die Macal fließt in die Raab, die wiederum in die Donau mündet. Experten schätzen, dass der Schlamm spätestens am Wochenende oder Anfang nächster Woche die Donau erreichen wird. Imre Szakacs, Leiter der Landesschutzabteilung, versucht jedoch zu beruhigen. Der Schlamm werde durch die Raab so weit verdünnt, dass der Donau keine Schäden mehr drohten.

„EU-Sicherheitsstandards viel zu niedrig“

Die MAL AG (Magyar Aluminium), die das betroffene Werk in Ajkai betrieb, erklärte in einer Aussendung, sie habe alle EU-Standards eingehalten. Zudem sei nach EU-Richtlinien der rote Schlamm nicht als umweltbedenklich eingestuft. Warum Menschen durch den Schlamm verletzt wurden, sei nicht erklärbar, so der Konzern. Hennon bestätigte, dass die MAL AG eine gültige Betriebslizenz besitzt und fügte hinzu, es gebe keine Hinweise, dass damit etwas „nicht in Ordnung“ sei. Die derzeit gültigen EU-Standards seien seit 2007 in Kraft, man werde aber prüfen, ob es Verbesserungsbedarf gebe, so Hennon.

Pelikane im Donau-DeltaAP/Vadim GhirdaDas Donau-Delta ist Heimat vieler seltener Tierarten wie Pelikane.

Die Umweltorganisation WWF sieht aber sehr wohl eine Mitschuld der EU an der Katastrophe in Ungarn. „Die EU-Sicherheitsstandards für die Abfallentsorgung in der Bergbauindustrie sind viel zu niedrig“, sagte der Leiter des Wasserbereichs beim WWF, Martin Geiger, der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch. So dürften als Absicherung der Becken einfache Erdbaudämme eingesetzt werden. Bei kritischem Hochwasser hielten diese aber nicht immer stand.

Die Auswirkungen auf die Natur sind laut WWF jedenfalls verheerend: Neben den seltenen Tierarten wie Otter, Eisvogel und Uferschwalbe seien auch andere Arten vom Aussterben bedroht. Die gesamte Tierwelt sei quasi dem Untergang geweiht.

Weitere Giftdepots im Donauraum

„Die Gefahren solcher Rotschlammbecken vor allem in osteuropäischen Ländern sind schon lange bekannt“ sagte Geiger. Viele Staumauern seien nicht sicher: „Bei viel Regen oder Hochwasser ist die Gefahr groß, dass sie brechen.“ Zudem dürfte laut WWF das offenbar deutlich über die erlaubte Norm gefüllte Giftschlammbecken nicht das einzige sein.

Abfall der Aluminiumgewinnung

Der Schlamm entsteht, wenn Bauxit mit Natronlauge „aufgebrochen“ und das dadurch gewonnene Aluminium abgefiltert wird. Zurück bleiben verschiedene Kieselsäure-, Titanoxid-, Blei- und Eisenverbindungen. Der Schlamm dürfte durch die jahrzehntelange Lagerung zu einer ätzenden Lauge geworden sein.

Es gebe es noch weitere giftige Depots im Donauraum, die teilweise sogar verlassen und ungesichert seien. Allein in Ungarn befänden sich Reservoirs mit einem geschätzten Gesamtvolumen von 50 Millionen Kubikmetern. Eines dieser Becken sei bei Almasfuzito direkt an der Donau angesiedelt. Für Andreas Beckmann, Leiter des WWF-Donau-Karpaten-Büros, sind das tickende ökologische Zeitbomben. „Wir brauchen dringend eine lückenlose Erfassung dieser Reservoirs“, forderte er im APA-Gespräch.

„Die Luft ist vergiftet“

Aber nicht nur für die Flüsse ist die Lage offenbar katastrophal. „Das Grundwasser ist in drei Komitaten massiv gefährdet, weil es dort stark geregnet hat.“ Die im Rotschlamm enthaltenen Schwermetalle würden den Boden derart verseuchen, dass er eigentlich komplett abgetragen werden müsse. Sich dort aufzuhalten, sei derzeit nicht ratsam: „Die Luft ist vergiftet, und in den Häusern stehen die Menschen bis zur Hüfte im Schlamm.“ Die gesundheitlichen Langzeitfolgen seien unabsehbar.

Keine Reisewarnung für Kurgebiete

Die Umweltkatastrophe in Ungarn sorgt auch in Österreich für Verunsicherung. Das Außenministerium verzeichnete zahlreiche Anfragen zu den Kurorten Bük und Heviz in Westungarn. Diese befinden sich aber außerhalb des von Bauxitschlamm betroffenen Gebietes. „Diese Ortschaften sind in keiner Weise betroffen“, beruhigte Außenamtssprecher Peter Launsky-Tieffenthal. Eine partielle Reisewarnung für Ungarn wurde von der Behörde nicht ausgesprochen.

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Publiziert am 06.10.2010