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Netzstruktur hat Nachholbedarf

Den Stromnetzen in Europa könnte der Kollaps drohen, falls der Ausbau regenerativer Energien wie Windkraft und Photovoltaik weiter ungebremst zugelassen wird und die Leitungsnetz-Infrastruktur nicht nachkommt. Davor warnte beim Energiekongress von Oesterreichs Energie in Linz der deutsche Experte Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena).

Allein in Deutschland etwa seien für die bis 2015 angestrebten 20 Prozent Elektrizität aus erneuerbaren Energien rund 850 km neue Höchstspannungsleitungen nötig, von denen bisher erst 90 km realisiert seien. Danach sei aber noch eine weitere Erhöhung auf knapp 35 Prozent angestrebt, wie in ganz Europa. Derartige Strommengen, die noch dazu vielfach unabhängig vom momentanen Bedarf produziert würden, könnten ohne ganz neue Technologien gar nicht mehr ins bestehende Stromnetz integriert werden, sagte Kohler.

Das Problem mit der Versorgungssicherheit

Da gehe es um ein Volumen von 100.000 Megawatt fluktuierender Leistung, die nicht stabil, sondern eben wind- oder sonnenabhängig sei. Um dennoch eine Versorgungssicherheit zu garantieren, auch wenn Windstille herrscht oder keine Sonne scheint, sei ein immenser Kraftwerkspark nötig. Dafür werde auch künftig ein bestimmter Anteil an konventioneller Leistung nötig sein, also etwa Kohle- oder Gaskraftwerke, meinte der Experte - ähnlich wie Hildegard Müller, die Geschäftsführerin des deutschen BDEW (Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft). Ansonsten sieht Kohler den Neubaubedarf an Kraftwerken durch die im Schnitt um zwölf Jahre verlängerte AKW-Laufzeit in diesem Jahrzehnt gedeckt.

Windtner: Bei Netzsicherheit könnte es uns aufstellen

Besonders gut gegensteuern könne man hier mit Strom aus Pumpspeicherkraftwerken, doch habe Deutschland und auch Österreich mit jeweils zirka 7.000 MW Leistung zu wenig davon, sagte der Geschäftsführer der dena, die je zur Hälfte vom deutschen Bund sowie Banken und Versicherungen getragen wird.

Aus Sicht des Energie-Sektionschefs im österreichischen Wirtschaftsministerium, Alexander Maier, wäre für Österreich selbst die doppelte Menge an Pumpspeichern noch immer zu wenig, Kohler sprach für Deutschland von einem Pumpspeicherbedarf von etwa 20.000 bis 25.000 MW. Der Vizepräsident von Oesterreichs Energie, Energie-AG-Generaldirektor Leo Windtner, meinte, Deutschland hoffe fast auf die österreichische Pumpspeicherkapazität. Zu den Stromleitungen warnte Windtner davor, dass es „uns bei der Netzsicherheit aufstellen könnte - schneller, als es die Politik glaubt“.

Oettinger fordert „europäische“ Regeln

EU-Energiekommissar Günther Oettinger will den Staats- und Regierungschefs Anfang Februar 2011 ein umfassendes Energiekonzept vorlegen. Darin soll stehen, „dass wir ‚europäische‘ Regeln brauchen, weil wir Energieunternehmen haben, die in ganz Europa tätig sind“, so Oettinger vorige Woche in einem „FAZ“-Interview.

„Ich will, dass wir in zwei Zehnjahresplänen die Energieinfrastruktur aufbauen, die wir für alle unsere Ziele brauchen. Wichtig ist auch die Energieeffizienz, wo wir noch sehr unkonkret sind.“ Außerdem wolle er den Staats- und Regierungschefs „die Frage stellen, ob sie zu einer gemeinsamen Energieaußenpolitik bereit sind. Dann muss Putin nicht mehr in Berlin, Paris und Rom anrufen, sondern in Brüssel“, sagte Oettinger weiter.

Neue Hochspannungsleitungen gefordert

Um die Energieversorgung zu modernisieren, will Oettinger nach Angaben aus Kommissionskreisen erreichen, dass die Mitgliedsländer für den Bau neuer Hochspannungsleitungen einen „Vorrang im Planungsrecht“ festschreiben, berichtete die „FTD“ vorige Woche.

Österreichs E-Wirtschaft würde es begrüßen, wenn das öffentliche Interesse bei solchen Projekten als gleichrangig etwa gegenüber von Umweltaspekten angesehen würde, bestätigten Oesterreichs-Energie-Präsident Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber und EAG-GD Windtner bei einem Pressegespräch auf Anfrage. Das sei der Branche ja im Zusammenhang mit der Umweltverträglichkeitsprüfung versprochen worden - Stichwort Verfahrensbeschleunigungspaket.

Eine Billion Euro bis 2020

Öffentliche Gelder in Europa für die Netz-Infrastruktur kann sich Florian Ermacora von der Generaldirektion Binnenmarkt und der EU-Kommission vorstellen. Denn wer sollte den Investitionsbedarf von einer geschätzten Billion Euro bis zum Jahr 2020 investieren?

Natürlich kämen dafür in erster Linie die Energieversorgungsunternehmen selbst infrage, die das über die Leitungsgebühren finanzieren müssten. Eventuell müssten hier aber auch die öffentlichen Hände zuschießen, so Ermacora in einer Podiumsdiskussion am Montagabend beim Energiekongress in Linz.

Anfang 2011 werde die EU-Kommission eine Energie-Effizienzstrategie vorlegen, „und das werden unseres Erachtens scharfe Zähne“, kündigte Ermacora an. Die Frage sei allerdings, was von der Strategie noch übrig sei, nachdem sie von den EU-Mitgliedsstaaten behandelt worden sei. Das Europäische Parlament sei jedenfalls auf der Seite der Kommission, so Ermacora.

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