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Stojka über den „Gypsy Spirit“ und „humanitäre Verbrechen“

Harri Stojka spürt in seinem gleichnamigen Film dem „Gypsy Spirit“ nach. Im Interview mit ORF.at sagte er, was er darunter versteht - und er meint nicht nur Musik. Den Begriff „Zigeuner“ hasse er, und im Fall der Abschiebungen von Roma in Frankreich sprach Stojka von einem „humanitären Verbrechen“.

ORF.at: Wie ist Ihr Wunsch entstanden, den Wurzeln der Roma nachzuspüren?

Harri Stojka: Die Idee kam von meiner Frau. Nachdem ich schon so viele Roma-Projekte mit CDs gemacht habe, hat sie gemeint, es sei an der Zeit, die Roma-Musik dort zu suchen, wo sie entstanden ist. Da ist nur Rajasthan in Frage gekommen - weil die Roma von dort stammen. Dann haben wir die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kontaktiert, sind weitervermittelt worden - und plötzlich waren wir in Indien und haben einen Film gedreht.

Musiker Harri StojkaORF.at/Birgit Hajek

ORF.at: Haben Sie gefunden, was Sie gesucht haben? Gibt es musikalisch und kulturell Ähnlichkeiten?

Stojka: Eigentlich bin ich gar nicht auf die Suche gegangen, sondern habe mich überraschen lassen, was passieren wird. Und ich war tatsächlich sehr überrascht über die Musiker. Ich habe Instrumente gesehen und gehört, die ich vorher noch nie gesehen und gehört habe. Was mich etwas enttäuscht hat, ist, dass die Menschen dort nicht mehr Romanes reden. Sie outen sich nicht als Gypsies. Sie fühlen sich als Angehörige einer großen indischen Nation - und das war wiederum sehr faszinierend.

ORF.at: Hat sich im Film nicht eine Gruppe explizit als Gypsy-Gruppe bezeichnet?

Stojka: Ja, aber nur wenn man sie explizit darauf anspricht. Bei uns ist es ja so, wir tragen unser Gypsy-Sein fast schon wie eine Fahne vor uns her: Wir sind die besten, wir sind die Gypsies, wir haben ein neues Selbstbewusstsein. Und das ist gut so. Aber dort outen sie sich nur, wenn du sie ansprichst. „Bist du Gipsy?“ - „Ja.“ Aber von selbst würden sie dir das nie sagen.

ORF.at: Und wo gibt es musikalische Ähnlichkeiten?

Stojka: Sie verwenden die Gypsy-Tonleiter und die mixolydische Tonleiter, da hat es sehr große Übereinstimmungen gegeben. Und mit den Percussionisten war es überhaupt kein Problem. Die spielen einen Rhythmus, und der Mosa und ich haben uns „dazuaghaut“ - das hat perfekt funktioniert. Das hört man auch im Film.

ORF.at: Die Chemie hat gepasst?

Stojka: Natürlich. Wenn sich Musiker treffen, ist eine Grundsympathie da. Das habe ich auch in den USA erlebt und in Indonesien. Alles Weitere ergibt sich von selbst.

ORF.at: Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen „Gypsy Spirit“?

Stojka: Der findet sich hauptsächlich in der Musik. Da entsteht eine gewisse chemische Mischung. Das würde ich als „Gypsy Spirit“ bezeichnen. Natürlich sehen wir auch alle gleich aus. Wir sind alles dunkle Typen - auch das ist „Gypsy Spirit“. Aber vor allem in der Musik entsteht der „Gypsy Soul“. Das habe ich auch in Indien sofort gespürt.

ORF.at: Einer der Inder hat gemeint, auch das Grenzenüberschreiten sei etwas Typisches.

Stojka: Natürlich haben wir auch Grenzen überschritten, musikalische und auch menschliche. Man kennt sie gar nicht - aber sie kommen auf einen zu wie Brüder und sagen: „Welcome home, Harri, we love you, we need you here.“ Das ist auch eine Art von „Gypsy Spirit“ - man wird sofort integriert. Viele bei uns im Westen könnten sich daran ein Beispiel nehmen, im Moment überhaupt. Ich bin mit offenen Armen als Gypsy empfangen worden, aber nicht nur von meinen Gypsy-Brüdern und -Schwestern, sondern auch von allen anderen Indern.

Musiker Harri StojkaORF.at/Birgit Hajek

ORF.at: Gehört auch eine gemeinsame Erfahrung des Ausgegrenztseins zum „Gypsy Spirit“?

Stojka: In Indien ist das eben nicht so. Sie sind dort voll akzeptiert und integriert und sind nicht so stigmatisiert wie Roma bei uns in Westeuropa im Moment. Das habe ich in Indien überhaupt nicht erlebt, das war ein schönes Gefühl. Sie werden dort nicht in erster Linie als Gypsies, sondern als Inder gesehen - das ist ein schönes Gefühl.

ORF.at: Im Film spielen auch rumänische Roma-Burschen mit. Wie geht es Ihnen, wenn sie über die Abschiebungen in Frankreich hören oder über slowakische Ortschaften, in denen Roma mit Mauern ausgesperrt werden?

Stojka: Für mich sind das lauter humanitäre Verbrechen - da braucht man nicht lange diskutieren darüber. Ich hoffe und glaube nicht, dass das auf Österreich übergreifen wird. Unsere Demokratie ist zu stark. Die Österreicher würden sofort Lichterketten bilden und Protestaktionen starten. So etwas wie in Frankreich wäre in Österreich nicht möglich. Ich würde mich im Moment hüten, nach Paris zu fahren.

ORF.at: Aber leiden in Österreich nicht gerade auch ausländische Roma unter Diskriminierungen, etwa im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt?

Stojka: Da bin ich zu wenig in die politischen Aspekte eingearbeitet, um eine seriöse Antwort geben zu können. Als autochtoner Rom und als Musiker geht es mir sehr gut in diesem Land. Seit den 70er Jahren ist das vorbei. In den 60er Jahren war das sehr schlimm - auch für meine Familie. 1970 war ein Wendepunkt. Ich würde niemals auswandern, weil ich an dieses Land glaube. So etwas wie in Frankreich wird hier nicht passieren, das sage ich als Rom. Ich wäre der erste, der das spüren würde. Aber ich spüre nichts. Dass es den ausländischen Roma sehr schlecht geht, wissen wir, aber es geht ihnen im Moment hier immer noch besser als überall anders.

ORF.at: In den 60er Jahren waren Sie selbst als Kind und Jugendlicher von Ausgrenzung betroffen?

Stojka: In der Schule? Und wie. Was da los war! Ich hasse das Wort „Zigeuner“. Von meinen Schulkollegen bin ich immer als dreckiger Zigeuner, als stinkender Zigeuner und als stehlender Zigeuner beschimpft worden. Meine ganze Familie hat unter diesem Wort gelitten. Deshalb sage ich immer nur „Gypsy“. Ich hätte nie einen Film gemacht, der „Zigeuner Spirit“ heißt. „Gypsy“ ist ein internationales Wort. Das beinhaltet Roma und Sinti, das ist wertfrei. Damit kann ich leben.

Das Gespräch führte Simon Hadler, ORF.at

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Publiziert am 05.09.2010