Themenüberblick

„Ölwolke“ statt Ölteppich

Das lecke Bohrloch im Golf von Mexiko ist als schlimmste Umweltkatastrophe in die Geschichte der USA eingegangen. Monatelang gelangten Millionen Liter Öl ins Meer, Umweltgruppen fürchteten bereits den Totalkollaps der Ökosysteme. Mittlerweile scheint das Öl allerdings verschwunden zu sein. Doch Wissenschaftler warnen: Die Ölklumpen seien nicht weg - sie seien mittlerweile nur winzig klein.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete das Ölleck als „die schlimmste Umweltkatastrophe, die Amerika jemals gesehen hat“, Medien berichteten im Stundentakt vom „Desaster im Golf“ und selbst der geschasste BP-Chef Tony Hayward sprach von einer „Katastrophe für die Umwelt“.

Doch seit das Leck am 15. Juli provisorisch gestopft wurde, und sich nun alles auf die Säuberung der Strände und Küstenabschnitte konzentriert, ist plötzlich vom Öl nichts mehr zu sehen: weder ein gigantischer Teppich noch ölverschmierte Küsten. Und selbst in der Tierwelt scheint das Öl nur wenig Schaden angerichtet zu haben. Die Anzahl toter Vögel betrug weniger als ein Prozent der Zahl, die nach der „Exxon Valdez“-Katastrophe verendete, wie die „Times“ berichtete.

Öl-Gas-Gemisch. Bläschen steigen aus der Kappe aufReuters/BP

Ölleck vor Schließung

Seit der Explosion der Ölplattform „Deepwater Horizon“ am 20. April sind zwischen 356 und 697 Mio. Liter Öl ins Meer geflossen. Seit 15. Juli ist das Leck provisorisch verschlossen. Anfang nächster Woche soll es vollständig verschlossen werden. Bis Mitte August soll das erste Entlastungsbohrloch fertig sein.

Fischer verlieren auch ihre Zweitjobs

Der Aufwand, den BP zur Säuberung der Küsten in den betroffenen US-Bundesstaaten betreibt, ist gigantisch. 40.000 Menschen wurden kurzfristig zur Säuberung der Küstenabschnitte eingestellt, 811 Schiffe zum Ölabsaugen waren im Einsatz und Millionen Meter Ölsperren wurden ausgelegt. Gerade für die betroffenen Fischer in der Region waren das dringend benötigte Jobs, nachdem der Fischfang in dem verschmutzen Wasser verboten wurde.

Doch mittlerweile wird immer weniger Öl an den Strand angespült. Thad Allen, der Beauftragt der US-Regierung für die Ölpest, erklärte am Freitag, es werde immer schwieriger, Öl an der Meersoberfläche zu lokalisieren. Viele Fischer warten bereits seit Tagen auf einen Einsatz. Seit Donnerstag nimmt BP auch keine neuen Boote mehr in das Ölbekämpfungsprogramm auf.

Corexit ließ Öl verschwinden

Aber auch wenn das Öl auf der Wasseroberfläche nicht mehr sichtbar ist, bedeutet das nicht, dass es vollständig verschwunden ist. Wissenschaftler befürchten, dass mittlerweile ein Großteil des Öls durch den starken Gebrauch der öllösenden Chemikalie Corexit in größeren Meerestiefen treibt. In bis zu 1.000 Metern Tiefe wurden riesige „Ölwolken“ gesichtet, die aus kleinsten Öltropfen bestehen.

Bisher waren sich die Wissenschaftler über die Auswirkungen dieser „Ölwolken“ auf Tier und Mensch uneinig. Während die US-Fischereibehörde und die Lebensmittelbehörde FDA am Freitag nach „ausführlichen Geschmackstests und chemischen Analysen“ den kommerziellen Fang von Fischen und Garnelen in den Gewässern östlich der Mündung des Mississippi wieder öffneten, lassen neueste Untersuchungen die Alarmglocken läuten.

Wissenschaftler haben in der Schale kleiner Meereskrabben kleinste Rückstände von Öl und Dispersionsmitteln gefunden. Das wäre der erste gesicherte Beweis dafür, dass der Gebrauch des Lösemittels das Öl in so kleine Tropfen zersetzt hat, dass es damit auch in die Nahrungskette gelangen kann.

Flugzeug sprüht Öl-Lösungsmittel auf MeerReuters/Leo Solinap

Mit Gift gegen Gift

Im Kampf gegen die giftige Ölpest hat der Konzern BP rund 120 Mio. Liter Corexit eingesetzt. Es wurde auch 1989 beim „Exxon Valdez“-Unglück getestet. Unter Wissenschaftlern ist es umstritten. Großbritannien hat Corexit vor zehn Jahren verboten.

Orangefarbene Öltropfen in Krabbenlarven

Die ersten orangefarbenen Öltropfen in der Schale von Krabbenlarven wurden bereits im Mai gefunden. Mittlerweile seien in „fast allen Krabbenlarven von Louisiana bis Florida“ Ölpartikel, sagte Harriet Perry, Biologin am Mississippi Gulf Coast Research Laboratory gegenüber dem Nachrichtenportal Huffington Post. Derzeit arbeiten Chemiker der Universität von Talune daran, die Partikel genau zu bestimmen und einen Nachweis von Corexit zu erbringen.

„Es scheint so, als hätte Corexit seine Spuren in den Proben hinterlassen, die wir geprüft haben“, bestätigte die Biologin Erin Gray gegenüber Huffington Post am Donnerstag. Zwei Kontrolltests liefen noch, man habe also keine 100-prozentige Bestätigung.

Die kleinen, giftigen Öltropfen sammeln sich zu Wolken und können so vor allem Fische, Larven und Shrimps töten. Aber es besteht auch die Sorge, dass der gesamte Thunfischjungbestand des heurigen Sommers sterben könnte.

Wenn sich der Fund bestätigt, würde das bedeuten, dass nicht nur kleine Fische und Larven unmittelbar vom Öl betroffen sind, sondern auch größere Meereslebewesen, die diese Tiere fressen. Und letztendlich könnten die Giftstoffe so auch schnell auf dem Teller landen. Für Perry sind die Tests sehr „beunruhigend“, nicht nur weil sie sich um die unmittelbare Qualität der Meerestiere sorgt. „Öl reichert sich nicht wie Schwermetalle in der Nahrungskette an“, erklärt Perry. Man könne aber die langfristigen Effekte, die das Öl auf die Meereslebewesen haben wird, überhaupt noch nicht abschätzen.

Links:

Publiziert am 02.08.2010